Eine Annullierung der Fußball-Saison ist kein Tabu mehr

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WETZLAR - Der Zeitdruck auf den Hessischen Fußball-Verband ist nicht kleiner geworden. Nach den jüngsten Beschlüssen der Politik und der Verlängerung des Lockdowns bis zum 7. März stellt sich immer weniger die Frage, wann die Saison im Amateurfußball wieder angepfiffen wird. Vielmehr ist ein Abbruchszenario nicht mehr undenkbar: Kann die Spielzeit also überhaupt noch einmal angepfiffen werden oder wird sie sogar komplett ohne Wertung annulliert?

Jörg Wolf, Klassenleiter der Verbandsliga Mitte und der Gruppenliga Gießen/Marburg, hat sich darüber schon seit geraumer Zeit Gedanken gemacht und bereits vor der Entscheidung der Politik am vergangenen Mittwoch eine mögliche Annullierung der Runde ins Spiel gebracht. Dazu hat er die 39 Mannschaften seiner beiden Klassen um ein Stimmungsbild gebeten. Die zwei Szenarien: Die Hinrunde zu Ende spielen oder eine Annullierung der Saison? "Ich halte eine Annullierung auch nicht für die schönste Idee. Aber ich bin kein Optimist und kein Pessimist, sondern Realist", so der Regionalbeauftragte Gießen/Marburg, der mit Blick auf den Kalender vorrechnet: "Wir können ohnehin nur noch die Hinrunde beenden und könnten dafür allerspätestens am 2. Mai starten. Denn ebenfalls allerspätestens am 20. Juni muss Schluss sein, damit danach noch Aufstiegsspiele zur Regionalliga ausgetragen werden können. Das wären acht Wochenenden. In Verbands- und Gruppenliga gibt es Teams, die neun Partien zu absolvieren haben, das ist dann rechnerisch nur schwer möglich." Denn, das stellt Wolf klar, auf kräftezehrende Englische Wochen nach einer so langen Fußballpause soll, so gut es geht, verzichtet werden.

In diesem Punkt ist er sich mit Verbandsfußballwart Jürgen Radeck einig. "Die Hinrunde soll unter normalen Bedingungen beendet werden. Das heißt, gespielt wird nahezu nur am Wochenende mit ganz, ganz wenigen Wochenspieltagen. Denn der Alltag der Spieler mit Job, Schule und Studium hat klar Vorrang." Allerdings betont Radeck: "Wir planen nach wie vor mit einer adäquaten Vorbereitungszeit von vier Wochen für die Vereine und dem 18. April als Deadline. Durch die neuen Beschlüsse hat sich für uns also überhaupt nichts verändert." Wenngleich auch Radeck zugibt, das Thema Annullierung im Hinterkopf zu haben. "Unsere erste Grundregel lautet aber eindeutig: Wir müssen den Clubs ein Spielangebot machen, wenn es möglich ist. Deshalb können wir nicht jetzt schon annullieren. Das könnte uns juristisch auf die Füße fallen. Ein solches Szenario müsste sauber und mit Vorlauf vorbereitet werden." Darauf verweist auch Wolf.

Beim turnusmäßigen Meeting des HFV-Präsidiums in dieser Woche soll aber zumindest ein Zeitplan für das Erstellen eines Meinungsbildes erstellt werden. Dass Wolf hier schon einen Schritt weiter ist, hält Radeck für legitim. "Das haben andere Klassenleiter auch bereits gemacht. Über den Zeitpunkt kann man vielleicht diskutieren."

Der Tenor der Rückmeldung von gut 15 Vereinen, die Wolf bislang erhalten hat, ist deutlich: "Es ist kein Club dabei, der darauf pocht, unbedingt die Hinrunde noch zu Ende spielen zu wollen", so Wolf, der aber ebenfalls betont, dass es sich dabei noch um ein reines Gedankenspiel handelt und es gerade in der Hessenliga zu Problemen kommen könnte: "Mit einer Annullierung würde es auch in dieser Klasse keine Aufsteiger in die Regionalliga geben. Und hier hängen noch die beiden nicht-hessischen Oberligen Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz/Saar mit drin, die mit dem Zweitplatzierten der Hessenliga die Aufstiegsrunde spielen. Diese müssten ebenfalls annullieren", so Wolf, der generell den Missmut der möglichen Aufsteiger in den Klassen als ein mögliches Problem sieht. Für Mitte März ist eine Vorstandssitzung des HFV angedacht, bei der das Präsidium, die Regionalbeauftragten sowie die Kreisfußballwarte sicherlich auch eine Annullierung thematisieren werden.

Bei den Vereinen aus der mittelhessischen Region zeigt sich ebenfalls eine klare Tendenz.

Mario Schappert (Trainer SC Waldgirmes, Hessenliga): "Ich habe den Gedanken an eine Annullierung lange von mir ferngehalten. Ich denke, dass in der Hessenliga zumindest die Teams, die über dem Strich stehen, gerne die Hinrunde über die Bühne bringen würden. Bei uns ist das nicht anders. Und auch unsere U 23 in der Verbandsliga würde gerne ihre überragende Runde zu Ende spielen. Ich hätte auch kein Problem mit einer dreiwöchigen Vorbereitungszeit samt Testspielen. Aber die Rufe nach Feierabend werden lauter. Das ist nicht wünschenswert, aber ich verwende mittlerweile auch den ein oder anderen Gedanken daran, dass eine Annullierung möglich ist."

Philipp Bösser (Vorstandssprecher FV Breidenbach): "Eine Annullierung wäre für uns sehr schade. Die Jungs sind extrem motiviert, den Platz an der Sonne auch in den verbleibenden Partien zu verteidigen. Und mit ein oder zwei Testspielen halte ich auch die angedachten vier Wochen Vorbereitungszeit für nicht zu kurz. Wir haben aber im Vorstand schon darüber gesprochen und würden eine Annullierung akzeptieren. Eine andere Möglichkeit wäre das Modell des bayrischen Verbands, der die Tabellen eingefroren und zu einem späteren Zeitpunkt weitergespielt hat."

Daniel Beck (Teammanager VfB Marburg): "Wir müssen weiter abwarten, wann und wie es weitergeht. Mitte März mit dem Training zu beginnen, wäre aber schon sinnvoll, denn nach so einer langen Pause braucht man schon sechs Wochen Vorbereitung. Aber ich gehe von einer Annullierung aus, und vielleicht einem Start der neuen Runde im Juni oder Juli."

Oliver Dönges (Trainer SG Kinzenbach): "Ich denke, man muss sich so langsam damit abfinden, dass die Saison annulliert wird, da ich nicht davon ausgehe, dass wir vor April mit dem Training starten können. Und vier Wochen Vorbereitung wären wirklich äußerst knapp. Eine Annullierung hätte den Vorteil, dass wir die neue Runde früher anfangen können und weniger Englische Wochen hätten. Die haben uns in der aktuellen Saison verletzungstechnisch ordentlich gebeutelt."

Manuel Rasiejewski (Trainer SF/BG Marburg): "Die Hoffnung liegt auf dem 18. April, aber schauen wir mal. Mindestens vier Wochen Vorbereitung finde ich sehr wenig, wenn man fast sechs Monate nicht gegen den Ball getreten hat. Das wird schon hart."

Edmund Euker (Vorstandsvorsitzender SV Bauerbach): "Ich bin skeptisch, dass die Hinrunde noch beendet werden kann. Die Inzidenz in Marburg ist zwar mittlerweile unter 50 gefallen, aber in manchen Nachbarkreisen ist sie noch deutlich höher. Da sind noch große Unterschiede. Aus sportlicher Sicht hätte es aber natürlich seinen Reiz, dass Teams, die derzeit im Mittelfeld stehen, mit neun Siegen noch Meister werden können."

Wilfried Mehr (Vorsitzender FC Waldbrunn): "Ich kann diese Wasserstandsmeldungen nicht mehr hören. Die sollen die Runde abbrechen und annullieren, ohne Aufsteiger, ohne Absteiger. Wir hatten vor wenigen Wochen noch täglich über 1000 Tote in Deutschland. Was wollen wir da jetzt Fußball spielen, nur weil die Zahlen sinken? Ich gehöre mit meinen 70 Jahren zur Risikogruppe. Ich will doch nicht auf den Sportplatz gehen und Angst um meine Gesundheit haben. Lasst uns im August mit der neuen Saison anfangen und gut ist""

Sherwin Rahmani (Trainer TuBa Pohlheim): "Sportlich stehen wir in der Tabelle als Siebter nicht so schlecht da, als dass wir nicht das Interesse hätten, diese Saison auf sportlichem Wege zu beenden. Aber ohne Wenn und Aber geht die Gesundheit vor. Und wer sagt uns denn, dass wirklich bis zum nächsten Winter alle ein Impfangebot bekommen haben oder wie sich die Mutationen entwickeln werden? Es gibt zu viele Ungewissheit. Außerdem spielt man durch den Zeitdruck mit der Gesundheit der Spieler in puncto Verletzungsgefahr. Ich halte die Idee des bayrischen Fußballverbands, die Runde zu unterbrechen und später fortzusetzen, nicht für die schlechteste."

Pierre Bellinghausen (Trainer TSV Steinbach II): "Ich war lange gegen einen Abbruch. Aber ich halte es für unrealistisch, dass wir Mitte März wieder auf dem Platz stehen. Ich halte eine Annullierung daher für die sinnvollste Lösung. Zudem sollte die neue Spielzeit so früh wie möglich beginnen und durchgespielt werden."

Daniel Schäfer (Trainer FC Cleeberg): "Ein Abbruch ist die vernünftigste Lösung. Denn Anfang April nach fünf Monaten Pause zu starten mit nur drei bis vier Wochen Vorbereitung, halte ich für unverantwortlich. Dann lieber im Mai loslegen mit einer achtwöchigen Vorbereitung."

Jürgen Erlemann (Abteilungsleiter RSV Weyer): "Ich gehe davon aus, dass wir diese Saison nicht mehr spielen und die Runde annulliert wird. Wir hätten noch neun Begegnungen in der Hinrunde zu absolvieren. Da müssten wir im April beginnen und im März wieder trainieren dürfen."

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