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»Etwas zu ungeduldig«

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Mannschaftsfoto von Eintracht Braunschweig aus der Saison 1985/1986 mit Stefan Gorges (untere Reihe sitzend, Zweiter von links). REPRO WSU © Wolfgang Stalter

Usingen . In unserer Serie »Was macht eigentlich« erinnern wir an Fußballer, die in der nahen Vergangenheit im Hochtaunuskreis »Duftmarken« gesetzt haben. Unser Hauptdarsteller heute heißt Stefan Gorges, der bei Eintracht Braunschweig in den 1980er-Jahren Profiluft geschnuppert hat und später in den 90ern im Hochtaunuskreis bei der SpVgg 05 Bad Homburg in der damaligen Amateur-Oberliga sowie bei der Usinger TSG aktiv war.

Der heute 54-Jährige ist jetzt in Schmitten wohnhaft und arbeitet als Firmenkundenberater bei der Raiffeisenbank Hochtaunus eG. Gerne erinnert er sich noch heute an den Beginn seiner Fußballlaufbahn beim Wolfenbütteler SV, die aber letztlich nicht ganz nach seinen Wunschvorstellungen geendet hat. Das Fußballspielen wurde Stefan sprichwörtlich in die Wiege gelegt, denn sein Vater Horst Werner Gorges war bei Eintracht Braunschweig und dem VfL Wolfsburg in den 50er-/60er-Jahren aktiv. Folgerichtig hat er schon sehr früh bei seinem Sohn das Interesse für den Fußballsport geweckt und ihn beim Wolfenbütteler SV mit sieben .Jahren angemeldet. Gorges sagt zu den Anfängen: »Ja, mein Vater war die Triebfeder. Richtig gefördert hat mich in der Anfangsphase aber mein Jugendtrainer Siegfried Siedel. Er war ein großartiger Mensch.«

Danach wechselte er in die Jugendabteilung von Eintracht Braunschweig, die ihn gesichtet und Interesse bekundet hatte. Der Wechsel war Stefan nach eigener Aussage ein inneres Bedürfnis, um nicht zu sagen sogar ein Zwang. Aber der Entschluss basierte auf seiner freien Entscheidung. Hier wurde schnell sein außergewöhnliches Talent als kreativer Mittelfeldspieler von Jugendtrainer Manfred Müller erkannt. Der ehemalige Eintracht-Jugend-Coach stellt Gorges ein großartiges Zeugnis aus: »Stefan war ein sehr pflegeleichter Spieler, sehr ehrgeizig, vorbildlich und ausgesprochen loyal gegenüber meiner Person. Deshalb hatte ich ihn auch zum Spielführer einer ganz leistungsstarken A-Jugendmannschaft von Eintracht Braunschweig bestimmt. Er war ein Spielertyp, den ich am liebsten trainiert habe. Stefan hatte durchaus das Zeug für einen Profifußballer. Da gehört auch ein wenig Glück dazu. Der damalige Trainer von Eintracht Braunschweig, Gerd Roggensack, hatte damals mehr den älteren Spielern das Vertrauen geschenkt. Aus meiner heutigen Sicht war Stefan vielleicht etwas zu anständig.«

Es folgten im Jugendbereich in allen folgenden Jahrgängen Berufungen in Auswahlmannschaften des Niedersächsischen Fußballverbandes. Auch wurde Stefan in dieser Zeit DFB-Jugendnationalspieler in der U16 mit einem Länderspiel gegen die Schweiz. Höhepunkt für Gorges war aber das Jahr 1983, da wurde er mit der Auswahl des NFV Länderpokalsieger nach einem 2:1-Sieg gegen die Jugendauswahl von Bayern.

Deutscher Vizemeister

Der Länderpokalsieg mit dem NFV war für ihn das schönste Erlebnis im Jugendbereich. Hier ist ihm sein langjähriger Trainer in den NFV-Auswahlmannschaften, Hans Werner Hartwig, noch in bester Erinnerung. Mit dem heutigen Abstand war er für Stefan der beste Trainer in seiner Jugendzeit. Natürlich lagen ihm als damals 16-Jährigem nach Sichtungslehrgängen des DFB/NFV auch Angebote von Hannover 96, Bayer Leverkusen und Borussia Mönchengladbach vor. Gorges: »Das ehrte mich natürlich, die Angebote waren auch interessant. Doch ich hatte mich für eine Ausbildung zum Bankkaufmann entschieden und damit für meinen Verein Eintracht Braunschweig, der mir ebenfalls ein Angebot als Profi unterbreitet hatte. Aus meiner heutigen Sicht war das richtig, das bereue ich auch nicht.«

Auf richtig schlechte Erlebnisse kann Gorges in seiner Jugendzeit als Fußballer nicht zurückblicken. Am 22. Februar 1985 debütierte Stefan mit 17 Jahren beim damaligen Zweitligisten Eintracht Braunschweig im Heimspiel gegen die Stuttgarter Kickers. Der damalige Eintracht-Trainer Willibert Kremer schickte ihn in der 35. Minute für Manfred Tripbacher auf den Platz. Gorges hatte vor seinem ersten Einsatz im Seniorenbereich schon des Öfteren bei den Profis trainiert. Das erste Spiel als 17-Jähriger war aber für ihn trotzdem sehr emotional und aufregend. Zum Ende der Saison blickte er auf noch zwei weitere Einsätze für die Eintracht in der 2. Bundesliga gegen den Karlsruher SC und Darmstadt 98 zurück.

Nach nur einem Jahr Profifußball war für Stefan jedoch mit gerade einmal 18 Jahren Schluss bei den Braunschweigern. »Zurück zu den Wurzeln«, er wechselte zu seinem Heimatverein, zum Wolfenbütteler SV in die damalige Amateur-Oberliga. Für ihn war das Scheitern bei den Profis eine große persönliche Enttäuschung. Rückblickend sieht er sich einfach zu ungeduldig mit sich selbst. Aber er wollte spielen, nicht auf der Bank oder auf der Tribüne sitzen. Beim Wolfenbütteler SV blieb er bis 1989, dann erfolgte der Wechsel nach Hessen zum damaligen Amateur-Oberligisten SpVgg 05 Bad Homburg.

Da stellt sich die Frage, wie kam es zu dieser revolutionären Veränderung im privaten wie auch im sportlichen Bereich? Triebfeder für den Wechsel nach Hessen im Jahr 1989 war der damalige Nullfünf-Trainer Herbert Dörenberg, der ihn mit Klaus Beckerling, damals Sportlicher Leiter der Bad Homburger, bei einem Meisterschaftsspiel beobachtet hatte. So kam es zu dem Wechsel. Über Beckerling, er stellte den Kontakt zur Raiffeisenbank Hochtaunus eG her, fand Gorges gemäß seiner Ausbildung als Bankkaufmann schnell einen Arbeitsplatz. Jetzt sind es bei dieser Bank 33 Berufsjahre geworden und weitere stehen noch in Aussicht.

Die Zeit an der »Sandelmühle« in Bad Homburg möchte er nicht missen. Die ersten vier Jahre hat er den Verein nach eigenem Empfinden sehr professionell aufgestellt erlebt. Dann gab es große finanzielle Probleme und der Niedergang zeichnete sich folgerichtig ganz schnell ab. Das Endspiel um die deutsche Amateurmeisterschaft am 13. Juni 1992 gegen Rot-Weiß Essen in Essen, das die Nullfünfer nach Verlängerung mit 2:3 verloren haben, war für ihn natürlich ein absoluter Höhepunkt in seiner Laufbahn. Damals trugen die Vizemeister der zehn Oberligastaffeln den Wettbewerb in einer nach Nord und Süd aufgeteilten Vorrunde aus, deren Gruppensieger im Endspiel aufeinandertrafen. Gorges: »Ärgerlich damals, wir waren ganz nah dran am Titelgewinn, denn der Ausgleichstreffer für Essen fiel erst in der 90. Minute. Die Heimfahrt und der Empfang in Bad Homburg bleiben aber unvergesslich.«

Nach acht Jahren war für ihn bei den Nullfünfern Schluss. Allerdings hatte er keinen schönen Abgang von der Sandelmühle, denn der Verein wollte ihn unter anderem auch aus finanziellen Gründen unbedingt loswerden. Seine Treue zur Spielvereinigung wurde nicht gewürdigt und respektiert. Gorges zog es zum Ausklang seiner Laufbahn zur Usinger TSG, die damals in der Verbandsliga spielte. Hier wurde Gorges gut und respektvoll aufgenommen. Das Umfeld passte. Die Freude am Spiel stand jetzt im Vordergrund, der Druck auf den Spieler war ein anderer. Für ihn waren es fünf schöne Jahre in Usingen, auch wenn der Profifußball in weite Ferne gerückt war.

Mike Leyendecker, Ur-Gestein der Usinger TSG, sagt zur Person seines ehemaligen Mitspielers: »Er war ein großartiger Techniker mit einem feinen linken Füßchen sowie einem fantastischen Auge für die jeweilige Spielsituation. Auch kameradschaftlich kann ich nur Gutes über ihn sagen.«

Zum Ende seiner Laufbahn gab es immer wieder Nachfragen, warum aus Stefan Gorges bei diesem Talent als Fußballer nicht mehr geworden sei. Da ist er auch selbstkritisch und sagt, dass er als Profi bei Eintracht Braunschweig einfach zu schnell aufgegeben habe, weil er sich mit 18 Jahren nicht gleich durchsetzen konnte. In dieser Hinsicht ist er den Weg des geringsten Widerstandes gegangen, der ihn aber auf einen ordentlichen Berufsweg geführt hat.

Heute weit weg vom Fußball

Und was macht Gorges heute abseits der Glitzerwelt des Fußballs? Familie und Freunde sind ihm wichtig, auch liest er gerne gute Bücher. Haus und Katzen erfordern Zeitaufwand, zudem genießt er Spaziergänge in der Natur im Taunus. So oft es geht, trifft er sich mit alten Freunden in seiner Heimat Wolfenbüttel. Einen direkten Zugang zum Fußballsport hat er heute nicht mehr. Besuche im Stadion von Eintracht Braunschweig oder dem Wolfenbütteler SV sind eher selten, auf dem Sportplatz der Nullfünfer oder der Usinger TSG ist Gorges nicht mehr zu sehen.

Und wie sieht er den Amateurfußball heute? Ein richtiges Urteil möchte er sich nicht erlauben, da er doch zu weit vom Geschehen sei. Trotzdem sieht er den Amateurfußball seit Jahren deutlich professioneller aufgestellt als zu seiner Zeit. Das findet er auch gut so, denn viele Karrieren finden ihren Anfang in den kleinen Fußballvereinen. REPRO: WSU

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Stefan Gorges im Trikot des Amateur-Oberligisten SpVgg 05 Bad Homburg. REPRO: WSU © Red
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Stefan Gorges 2022 © Wolfgang Stalter

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