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»Kribbelt wieder in den Fingern«

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Nadine Okrusch möchte mit dem ranghöchsten Handball-Team des Hochtaunus, Frauen-Oberligist TSG Oberursel, in der Abstiegsrunde den Klassenerhalt bejubeln. © Imago Sportfotodienst GmbH

Die Führungsfigur ist zurück. Nadine Okrusch stieg einst mit der TSG Oberursel in die 3. Liga auf, wurde Hessenmeister. Warum sie ihr Comeback beim ranghöchsten Handball-Team des Hochtaunuskreises, das nun in der Oberliga spielt, gestartet hat, beantwortet sie gerne.

Oberursel . Eigentlich stand ihr Entschluss schon bei der offiziellen Verabschiedung fest, den Ball wieder in die Hand zu nehmen. Nadine Okrusch hatte im März 2020 nach reiflicher Überlegung verkündet, eine Auszeit von ihrem Lieblingssport einzulegen - mit unbestimmter Dauer. Kein einfacher Schritt für eine »Handballverrückte«, wie ihr damaliger Trainer Paul Günther über die Rückraumspielerin sagte.

Wenn nun eine Führungsspielerin von TSG Oberursels Handballerinnen, die mit der Mannschaft unter anderem 2016 in die 3. Liga aufgestiegen und 2019 Meisterin der Oberliga Hessen geworden ist, ihren Abschied auf Zeit bekannt gibt, sollte man auch von einer würdigen Verabschiedung seitens ihres Vereins ausgehen. Die Corona-Pandemie nahm aber auch darauf Einfluss.

Geheimhaltung

So kam es, dass ehemalige Spielerinnen am 27. November 2021 für das Heimspiel in die Hochtaunushalle eingeladen wurden. Schon die pure Anwesenheit von Nadine Okrusch, deren ein Jahr jüngere Schwester Michelle und Co. schien die damals von Team-Managerin Nora Brandscheid betreute Mannschaft zu beflügeln. Sie feierte prompt mit einem 31:21 gegen die TGS Walldorf ihren ersten sportlich errungenen Saisonsieg.

Nora Brandscheid war es auch, die sich schon vorher mit Nadine Okrusch getroffen hatte, um sie zu einem Comeback zu bewegen, »klar war es dann nach dem Walldorf-Spiel«, verrät die inzwischen 28-jährige Regisseurin. Dass ihr (geheim gehaltenes) Comeback erst jüngst beim 25:23-Sieg bei der HSG Weiterstadt/Braunshardt/Worfelden über die Bühne ging, hatte derweil einen ähnlichen Grund wie einst das Einlegen der Handballpause. Nach ihrer schweren Verletzung bei den deutschen Hochschulmeisterschaften 2017, als sie sich beim Tempogegenstoß nach dem Ball orientierte und vor dem Zusammenprall ihre Gegenspielerin nicht hatte kommen sehen, trug Nadine Okrusch immer noch eine Metallplatte am Schlüsselbein in sich. Die sollte im Sommer 2020 entfernt werden. Außerdem wollte sie mehr Zeit für ihr Studium haben, eine große Reise unternehmen.

Die Pandemie verhinderte Letzteres, und die hohen Infektionszahlen im Winter ließen den im osthessischen Löschenroth aufgewachsenen Blondschopf nochmals zögern, ihren Sport wieder auszuüben. Absolviert sie doch inzwischen ihr Referendariat an der Oberurseler Grundschule am Eichwäldchen. »Da habe ich aus der Vernunft heraus erst einmal abgewartet.« Dann kam hinzu, dass ein paar Wochen Training notwendig waren, um richtig fit zu werden - »sonst hätte ich mich direkt wieder nebendran setzen können«, so Okrusch.

Verletzungspech im Sand

Ganz hatte sie es im Sommer nicht lassen können und sich - obwohl weitgehend körperlos gespielt - beim Beachhandball verletzt. Ihr Innenband im Knie war angerissen. Solche »körperlichen Gebrechen« spielten jetzt aber keine Rolle mehr. Spätestens beim Aufwärmen in der Braunshardter Sporthalle vor zwei Wochen habe sie gemerkt, was ihr in der fast genau zweijährigen Spielpause gefehlt habe. »Es kribbelte wieder in den Fingern.«

Direkt für die Startformation nominierte sie Trainer Florian Crasnaru, um den Überraschungseffekt beim Gegner möglichst gleich auszunutzen. Als dann ihre »erste Gurke« (Okrusch) auch noch zum 1:0 ins Tor gegangen war, seien die zwei Jahre ohne Handball wie weggeblasen gewesen. Mittendrin im Abstiegskampf befand sich die neben der aus der 2. Mannschaft reaktivierten Jana Sellner erfahrenste Spielerin sogleich. Mit all seinen Facetten. 14:3 führten die Oberurselerinnen nach knapp 20 Minuten. Mit fünf Toren hätten sie gewinnen müssen, um der Abstiegsrunde noch entgehen zu können. 25:20 lagen sie sieben Minuten vor Schluss immer noch vorne. Schließlich konnte auch Nadine Okruschs Erfahrung nicht mehr helfen. Die Nerven der Spielerinnen hielten dem Druck nicht stand. »Es war schon grotesk. Wir hatten das Spiel gewonnen, aber noch auf dem Feld hat der Gegner eine Party gefeiert«, erzählt sie.

Nachdem ihre Familie einst nach Rosbach umgezogen und sie als Jugendliche mit ihrer Schwester von der FT Fulda zur TSGO gewechselt war, hat die Rechtshänderin schon viel mitgemacht, um zu wissen: »Wenn wir so in der Abstiegsrunde spielen, kriegen wir das mit dem Klassenerhalt auf die Kette.« Die TSG kann nach der erneuten Verlegung des letzten Hauptrundenspiels gegen die TSG Bürgel den Schwung aber nicht mitnehmen.

Abstiegsrunde

Die Abstiegsrunde soll laut Rahmenspielplan des Verbandes erst nach Ostern beginnen. Das ändert an der positiven Einstellung Okruschs aber rein gar nichts. »Obwohl den Mädels in dieser Saison so viele Steine in den Weg gelegt worden sind, gibt es in der Mannschaft einen wahnsinnigen Zusammenhalt. Sie können Handball spielen, das ist eine reine Kopfsache«, meint sie, durchaus beeindruckt. Gerne bringe sie bei der Fortsetzung die notwendige Ruhe rein - wie das ältere Spielerinnen nun einmal so tun. »Das ist schon komisch«, sagt Nadine Okrusch, »ich weiß noch genau, als ich zu den Jüngeren gehörte und auf die Älteren geschaut habe.«

THORSTEN REMSPERGER

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