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Kritik, aber auch Zustimmung

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Auch mit vorangehenden Corona-Tests wird nicht mehr gespielt: Tischtennis-Schläger und Bälle ruhen in Hessen, denn der HTTV hat für seinen Zuständigkeitsbereich, also bis hinauf zur Hessenliga, die Saison 2021/22 abgebrochen. © Imago Sportfotodienst GmbH

Nach 2019/2020 und 2020/2021 hat der Hessische Tischtennisverband auch die Saison 2021/2022 wegen der Corona-Pandemie vorzeitig abgebrochen. Zum dritten Mal hintereinander wurde der Wettbewerb an der Platte vorzeitig gestoppt. Die Entscheidung kam für die heimischen Vereinsvertreter nicht mehr unerwartet, wird aber nicht uneingeschränkt geteilt.

Hochtaunuskreis . Im Interview mit dieser Zeitung äußeren sich sechs Funktionäre und Vereinsverantwortliche zum Für und Wider, machen sich Sorgen über die Folgen für den Bestand der Vereine, die kommende Saisonplanung und die Zukunft von Tischtennis im Wettbewerb generell.

Was halten Sie vom Saisonabbruch, warum sind Sie dafür oder dagegen?

Marcel Müller (Tischtennis-Kreiswart): Der Verband hatte es sich nicht leicht gemacht. Es war eine ganz schwere Entscheidung. Man wundert sich vielleicht, weil andere Hallensportarten wie Handball weiterspielen. Aber Tischtennis ist eine Einzelsportart. Das größte Problem war der Terminkalender. Deswegen wäre ich dafür gewesen, im Nachwuchsbereich weiterzuspielen. Das Risiko liegt bei den vielen erwachsenen Spielern Ü50, Ü60 und Ü70. Da sind die gefühlten Unsicherheiten stärker als bei Kindern. Nach der Corona-Welle sind wir jetzt zwei Wochen zu spät und es ist keine Saisonverlängerung mehr möglich. Weil die Vorrunde komplett gespielt wurde, ist Wettbewerbsverzerrung nicht mehr gegeben. Es gibt eine klare Tabelle und Vergleichbarkeit. Das ist in Ordnung. Bei den Erwachsenen stehe ich voll hinter der Entscheidung. Bei den Kindern hätte man weiterspielen lassen sollen. Denn hier spielt die Tabelle keine entscheidende Rolle.

Florian Jünger (Abteilungsleiter SG Anspach): Es wäre wichtig gewesen, von der Politik Signale zu bekommen, damit alle Kommunen gleich handeln und wir zur Normalität zurückkehren. Das ist aber nicht geschehen. Im Gegenteil. Hallen wurden gesperrt und immer wieder gibt es Quarantäne. Bei so vielen coronabedingten Ausfällen ist ein Wettkampfspielbetrieb nicht möglich. Insofern ist die Sicht des HTTV nachvollziehbar und legitim sowie die Entscheidung richtig und gut begründet. Wenn alle Hallen offen geblieben wären, hätte es anders ausgesehen. So stand man vor Terminschwierigkeiten und einer logistischen Mammutaufgabe. Das hätte man vorher wissen können. Der HTTV hat sicher sein Bestes gegeben. Ich persönlich hätte lieber weiter gespielt.

Sebastian Wirth (Abt.-Leiter TTC Eschbach): Ich halte die Entscheidung des HTTV für falsch. Während die ersten beiden Abbrüche 2020 und 2021 in Ordnung waren, hätte man diesmal den Spielbetrieb fortsetzen können. Das Argument, dass Spiele wegen Corona nicht in Bestbesetzung stattfinden, kann ich nicht nachvollziehen. Denn die ganz große Mehrheit der Tischtennisspieler will ihren Sport ausüben. Da muss eine Abwägung zugunsten der Mehrheit erfolgen und Spiele mit Ersatz müssen akzeptiert werden. Das ist im Übrigen im Handball oder Basketball auch so. Das Argument mit der älteren Altersstruktur leuchtet mir auch nicht ein, denn die Omikron-Variante hat einen harmlosen Krankheitsverlauf. Im übrigen finden die Ansteckungen außerhalb der Halle statt. Das kann also nicht ausschlaggebend sein. Ich hätte gerne weitergespielt. Schließlich ist mir unverständlich, dass diesmal nicht die rechtlichen Vorgaben des Landes als Entscheidungsgrundlage genommen wurden. Denn danach ist Hallensport möglich und findet ja auch mit Training statt. Dann hätte es auch weiter Wettkämpfe geben müssen.

Michael Riemann (Klassenleiter und Abt.-Leiter TSG Pfaffenwiesbach): Als Abteilungsleiter und Vereinsvorstand muss ich gegen die Entscheidung stimmen. Denn sie begünstigt den Trend zum weiteren Mitgliederschwund. Dieses Ergebnis ist katastrophal für die weitere Entwicklung der Abteilung. Als aktiver Spieler bedauere ich die Entscheidung sehr. Denn der Wettkampf ist das Salz in der Suppe. Die Zeit hat gegen uns gearbeitet. Vielleicht wären wir in vier Wochen klüger gewesen. Wichtig ist, dass wir im Unterschied zum Vorjahr die komplette Vorrunde gespielt haben. Damit sind eindeutige Auf- und Abstiegsregelungen möglich.

Rouben Abnoussian (Usinger TSG): Bei uns in der Abteilung sind die Meinungen unterschiedlich und geteilt. Wir hatten während der freiwilligen Spielphase in der Kreisliga eine Begegnung ausgemacht, die dann kurzfristig noch vom Gegner abgesagt wurde. Eine Terminverschiebung der Runde nach hinten raus wäre aus meiner Sicht möglich gewesen. Wir hätten spielen können. Wichtig ist, dass wir, im Unterschied zum früheren Lockdown, wenigstens trainieren können.

Jens Herrmann (Abt.-Leiter TSV Grävenwiesbach): Ich schließe mich den Argumenten des Verbandes an. Der Spielbetrieb ist nicht sichergestellt. Man hat es gesehen, als die Möglichkeit bestand, freiwillig zu spielen. Das wurde nicht wahrgenommen. Es besteht immer noch die Gefahr von Ausfällen durch Quarantäne. So ist kein fairer Wettkampf möglich. Deswegen stimme ich dem Verband mit seiner Entscheidung voll und ganz zu.

Hatten Sie diese Entscheidung erwartet?

Müller (Tischtennis-Kreiswart): Bei der Saisonunterbrechung hatte der Verband erwartet, dass die Corona-Welle Mitte Februar vorbei ist, aber in Deutschland verläuft die Welle flacher. Es wurden bis zuletzt beide Positionen diskutiert. Am Ende gab es die Mehrheitsentscheidung für den Abbruch. Jeder Verein sieht es aus seiner Perspektive. Für die Senioren ist es ein Risiko. Die Jüngeren sind genervt, wenn es nicht weitergeht. Der Verband hat beide Seiten gesehen und als Verantwortungsträger sich für die Seite der Sicherheit entschieden. Es war ein Mehrheitsbeschluss. Den muss man dann auch akzeptieren. Dafür gibt es Gremien. Keiner hat es sich leicht gemacht.

Jünger (Abteilungsleiter SG Anspach): Unerwartet kam für mich im Januar die Unterbrechung der Saison. Damals hätte ich gedacht, dass die Rückrunde normal zu Ende gespielt werden würde. Da war ich überrascht. Nach Verschiebung des Beginns der Rückrunde war der Abbruch für mich eine 50:50-Entscheidung.

Wirth (Abt.-Leiter TTC Eschbach): Die Entscheidung hatte ich inzwischen erwartet. Denn wenn im Januar unterbrochen wurde, als die Zahlen nicht so hoch waren, wäre es verwunderlich gewesen, wenn angesichts der hohen Zahlen jetzt die Runde fortgesetzt worden wäre.

Riemann (Klassenleiter/Abt.-Leiter TSG Pfaffenwiesbach): Als Klassenleiter hatte ich die Entscheidung erwartet. Denn die Option, im Januar freiwillig Spiele auszutragen, wurde nahezu komplett nicht genutzt. Einige wollten spielen, aber in sieben hiesigen Klassen kam lediglich eine einzige Begegnung zustande. Andere Regionen hatten ja bereits abgebrochen. Angesichts der Inzidenzen und geringer Bereitschaft der Aktiven zu spielen war die Entscheidung zu erwarten.

Rouben Abnoussian (Usinger TSG): Wir wurden überrascht und hatten mit dieser Entscheidung nicht gerechnet. Es gibt ja jetzt überall Lockerungen. Da hatten wir mit der Fortsetzung der Runde gerechnet. Schließlich sollte ja gespielt werden, wenn beide Mannschaften dafür sind. Da war von Abbruch keine Rede.

Jens Herrmann (Abt.-Leiter TSV Grävenwiesbach): Ich bin nicht überrascht. Wir hatten versucht, Spiele in den Mai zu verlegen, aber da kam von unseren Gegnern überhaupt keine Reaktion. Das war für mich ein Indiz, dass die anderen Teams bereits mit einem Abbruch rechneten. Denn sonst hätten sie ja auf Verlegungswünsche reagiert.

Welche Folgen hat der Abbruch für ihren Verein und für das Tischtennis im Usinger Land?

Müller: Die Probleme für das Ehrenamt im Sport werden größer. Mittelfristig wird sich die Vereinslandschaft verändern und wird es weniger Vereine geben. Kurzfristig gibt es keine Veränderungen, aber strukturell wird es sich bemerkbar machen, wenn Vereine nur noch eine oder zwei Herren-Mannschaften melden. Was ist dann in 10 Jahren? Das Nachwuchsproblem hat nicht direkt mit Corona zu tun, Die Pandemie sorgt aber für massive Beschleunigung.

Jünger: Große Vereine können die Ausfälle wegen Corona besser stemmen. Bei uns gab es zwar auch einige Fälle, aber die Personallage ist unabhängig von Corona. Wir hatten in dieser Saison viele Verletzte. Bei uns sind die Mitgliederzahlen stabil und dank der Nachwuchsarbeit werden wir wieder mit ähnlich vielen Mannschaften antreten. Jedoch ist das Tischtennis insgesamt exorbitant negativ betroffen.

Wirth: Ich erwarte keine großen Folgen. Denn wer nach zwei Saisonabbrüchen noch dabei war, der bleibt auch jetzt dabei. Immerhin ist ja Trainingsbetrieb möglich. Insofern befürchte ich keine Konsequenzen. Allerdings werden wir uns überlegen, mit der Ausrichtung von vereinsinternen Meisterschaften Wettbewerb und zusätzliche Attraktivität anzubieten.

Riemann: Besonders sind die Folgen in der Jugendarbeit. Wenn es beim Nachwuchs keinen Wettkampf gibt, besteht auch keine Lust am Training und geht es stattdessen zur X-Box oder Playstation. Wir wollen aber die Kinder beim Sport halten. Also brauchen wir neue Konzepte, wie wir die Jugend wieder in die Halle bekommen. Bei den Senioren wird das Thema Vierer-Mannschaften intensiv erörtert werden müssen.

Abnoussian: Für die Personalsituation bei uns hat das unmittelbar keine Folgen. Aber unsere Senioren sind seit der Corona-Variante weggeblieben. Die Stimmung ist schon enttäuscht, denn wir wollten weiterspielen.

Herrmann: Die Gefahr ist real, dass der eine oder andere Spieler jetzt abspringt. Nach dreimaligem Abbruch in den letzten beiden Jahren geht der Wettkampfgedanke verloren. Mancher wird jetzt sagen, dass alleine Training auch ausreichend ist. Der Wettkampf fehlt irgendwann nicht mehr. Deswegen hoffe ich, dass es in der neuen Saison wieder normal losgeht. Wir müssen wieder einen Rhythmus reinbekommen. Sonst besteht die Gefahr, dass jemand ganz wegbleibt. Deswegen müssen wir auch über Vierer-Mannschaften diskutieren.

Wie laufen die Saisonplanungen für 2022/2023?

Müller: Im Tischtennis ist immer noch eine flexible Planung möglich. Die Problematik fehlender Spielorte wegen Sperrung der Hallen im Vordertaunus hatte sich bisher noch nicht bemerkbar gemacht. Aber das könnte in Zukunft schwerer werden. Ansonsten erwarte ich für Planung und Mannschaftsmeldungen 2022/2023 keine großen Probleme. Aber noch einen Abbruch darf es nicht geben. Dann müssten wir zur Not mit 100 Prozent Hygienekonzept und nur mit Geimpften spielen.

Jünger: Wir haben völlig überraschend mit dem zweiten Platz der dritten Mannschaft in der Bezirksoberliga das Aufstiegsrecht erspielt. Jetzt müssen wir überlegen, ob es Sinn macht, neben der Hessenliga-Mannschaft mit zwei weiteren Teams auf Verbandsebene zu spielen. Wir haben immer wieder Spieler, die wegen des Studiums nicht zur Verfügung stehen. Wir planen von oben nach unten und müssen jetzt mit allen Gespräche führen. Die bestehende Mannschaftsstruktur soll aufrechterhalten werden. Insgesamt sind wir in den Klassen schon sehr hoch vertreten. Deswegen gilt es erst mal, sich in der jeweiligen Liga zu etablieren. Wir wollen in der Hessenliga weiter Euphorie entfachen und eine sehr, sehr gute Rolle spielen. Bis zum Rundenbeginn 2022/2023 müssen wir die Spieler in der Halle halten. Alle sollen im Boot bleiben.

Wirth: Wir werden auch in der kommenden Saison vier Senioren-Mannschaften melden. Beim Nachwuchs gibt es eine Jugend- und neu eine Schülermannschaft, denn wir haben enormen Zulauf.

Riemann: In Pfaffenwiesbach wird es personell keine Veränderungen geben. Da herrscht Kontinuität und Stabilität im Mannschaftsgefüge, auch wenn wir keine Jugendarbeit haben.

Abnoussian: Wir werden im April/Mai 2022 in einer Mannschaftssitzung über die Aufstellungen und Meldungen beraten. Obwohl wir zum Saisonstart 2021 zahlreiche Ausfälle hatten, erreichten alle Mannschaften ihre Saisonziele. Wir sind zuversichtlich für die kommende Saison, obwohl unsere Planungen vor einem Jahr komplett über den Haufen geworfen wurden. Viele sind auch bei uns coronamüde. Sehr zuversichtlich stimmt mich der aktuelle Boom in unseren Jugend-Mannschaften.

Herrmann: Auch ohne Corona wird die Saisonplanung immer schwieriger. Zum Beispiel bei unseren Studenten. Da können wir nur von Saison zu Saison denken. Im Mai werden wir unsere Mannschaftssitzung machen und 2022/2023 besprechen. Ich gehe davon aus, dass wir mindestens zwei Mannschaften stellen.

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