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»Messer in den Rücken«

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Kreisfußballwart Andreas Bernhardt (Oberursel) spricht Klartext. © Gerhard Strohmann

Hochtaunus-Kreisfußballwart Andreas Bernhardt spricht mit dem UA über die zurückliegenden Pandemie-Monate, Funktionärskrach, neue Ideen und seine eigene Zukunft.

Hochtaunuskreis. Im UA-Interview lässt der Kreisfußballwart auch einen Blick in seine Gefühlswelt zu, nachdem er bei der Oberurseler Bürgermeisterwahl verloren hatte. Zum Thema Krach zwischen HFV und DFB hat er eine klare Meinung.

Herr Bernhardt, wie ist es Ihnen persönlich in den beiden vergangenen Jahren ergangen?

Gottseidank gab es für mich persönlich keine dramatischen Ereignisse. Es ist aber schon eine mit Verlaub gesagt »Scheiß-Zeit« mit der Corona-Pandemie. Ich finde aber, dass es sich jetzt im zweiten Jahr doch angenehmer lebt. Ich empfinde die Lebenssituation nicht als gut, bin aber dankbar, dass es nicht so ist wie 2020 und zum Teil 2021.

Mitten in der Corona-Zeit waren sie bei der Wahl in Oberursel als Bürgermeister-Kandidat angetreten. Haben Sie Ihr Abschneiden gut verschmerzt?

Ja, das ist abgehakt. Natürlich hätte ich mir schon ein etwas besseres Ergebnis gewünscht, sonst wäre ich ja nicht angetreten. Aber realistisch gesehen: Wenn du als Außenseiter auf den Platz gehst, dann musst du wissen, dass du viel Glück brauchst, um zu gewinnen. Ich bin ich geblieben, habe nichts versprochen, was nicht haltbar ist und habe mich nicht verbogen. Dass ich konsequent auf persönliche Kontakte verzichtet hatte, gibt mir rückblickend immer noch ein gutes Gefühl. Mit meinem Abschneiden kann ich gut leben. Letztlich ist es auch immer, wie beim Fußball, eine Frage des Budgets.

Welche Entwicklungen hat es im Fußballkreis gegeben? Fangen wir bei den Vereinen an.

Die Verantwortlichen in den Vereinen haben außerordentliches Engagement an Tag gelegt, die Vereinsarbeit in Pandemiezeiten wie auch immer fortzuführen. Sei es durch virtuelle Trainings, sei es durch Mailings an Mitglieder oder oder oder... Das ist super. Vereinzelt wurde über verstärkten Mitgliederabgang berichtet, doch das trifft aber nur wenige Vereine. Natürlich gab es für jene Vereine, die in punkto Sponsoren nicht so gut aufgestellt sind, sondern sich durch Feste und andere Aktivitäten finanzieren, mehr Probleme als bei anderen. Aber an Corona wird keiner der Vereine zugrunde gehen.

Und wie ist es in Sachen Anzahl an Vereinsmitgliedern?

Im Kreis Hochtaunus hat es während der Pandemie sogar einen Aufschwung bei den Jugendlichen und Kindern gegeben, anders als in vielen anderen Kreisen. Von vielen Vereinen wurden durchdachte Angebote gemacht. Da beschäftigte man sich intensiv mit dem Halten und Finden von jungen Mitgliedern.

Was ist mit den Schiedsrichtern? Gibt es da Probleme?

Die Schiri-Anzahl ist nach zwei Jahren Pandemie relativ unverändert. In Kürze fängt zudem ein Neulingslehrgang an. Die Pandemie hat aber bislang keine großen Auswirkungen gehabt. Klar, der ein oder andere ist noch vorsichtig, will noch nicht pfeifen. Jedoch wird in der C-Liga voraussichtlich weiterhin nicht jedes Spiel besetzt werden können. Das liegt aber nicht daran, dass es weniger Referees bei uns im Kreis gibt als in den Jahren zuvor, sondern daran, dass anders als in früheren Jahren kein Schiedsrichter aus Nachbarkreisen mehr aushelfen kann, da die ihre Schiris selbst brauchen.

Gibt es Veränderungen bei den Finanzen ?

In Sachen Finanzen sind wir weiter gut aufgestellt. Da haben wir ja unser Kreisbudget und hatten im Vorjahr nicht so viele Ausgaben und sind weiterhin aufgestellt.

Gibt es Veränderungen oder neue Ideen zum Spielbetrieb?

Wir müssen weiter denken. Was mir aber durch den Kopf schwirrt, ist die Überlegung, ob es nicht sinnvoll wäre, auf Kreisebene die Ligenstärke auf 14 zu reduzieren. Klar hab ich die Vereinsvertreter vor Augen, die das ablehnen, denn früher habe man mit 18 Teams in einer Liga gespielt. Es ist aber das sinnvollste Modell auf Kreisebene um ein gleiches Schlüsselmodell für alle Kreisligen zu haben. Vermutlich ist die Zeit noch nicht reif, aber wir müssen konstatieren, dass die Bereitschaft, jeden Sonntag auf dem Sporplatz zu stehen, nicht mehr so vorhanden ist. Darüber würde ich gerne mal im Kreisfußball-Ausschuss mit Vereinsvertretern und auch Spielführern reden.

Gibt es organisatorische Veränderungen?

Im HFV-Präsidum wurde besprochen, dass nun flächendeckend Clubberater eingestellt werden. Die hießen im Pilot Vereinsservice-Assistenten. Sie sind für die Themenfelder zuständig, die nichts mit dem Spielbetrieb zu tun haben. Ein Clubberater ist ein vom Verband bezahlter Minijobber, der von Vereinen beim Verband angefordert werden kann.

Der Spielbetrieb steht bevor. Wie haben Sie die Kritik aus anderen Kreisen aufgefasst, als der Hochtaunus die letzten beiden Spieltage des Jahres 2021 verlegt hat?

Ich in äußerst gelassen über die Kritik aus anderen Kreisen am vorzeitigen Ende 2021. Wir hatten es ja in unserem Kreis besprochen. Es ging dabei nicht nur um Inzidenzen, sondern auch um mangelnde Kapazitäten in den hiesigen Kliniken, was auch die Notaufnahmen betraf. Sind wir nicht in der Fürsorgepflicht, dass Spieler bei Verletzungen wohnortnah versorgt werden können und nicht entfernt untergebracht werden müssen? Unter welchen Rahmenbedingungen ist es angesagt, »Pflichtspiele« auszutragen? Wir sind ja in der guten Situation, dass in allen Ligen schon wertungsfähige Tabellen vorhanden sind und wir ja im Sommer eine Woche früher begonnen hatten. Zudem gab es Einschränkungen durch Erlasse für Sportanlagen. Übrigens: Als wir im Hochtaunus lange vor Corona mal wegen der üblen Wetterprognosen vorzeitig in die Winterpause gegangen sind, hat es niemanden gejuckt.

Die Inzidenzen steigen und steigen. Kann die Saison zu Ende gespielt werden?

Ja, kann sie. Wir gehen auf das Frühjahr zu, es ist mit weiteren Lockerungen zu rechnen. Das ein oder andere Spiel wird aber noch ausfallen wegen Coronafällen. Denn vor allem ist damit zu rechnen, dass dann bei zweiten Mannschaften ausgedünnt wird. Unter welchen Bedingungen werden Verlegungen möglich oder Wertungen erfolgen? Wie damit umzugehen ist, habe ich auf Verbandsebene nachgefragt. Vom HFV kam eine hinhaltende Antwort, es werde noch eine diesbezügliche Bekanntmachung geben bald.

Auch im Hochtaunus wird in den Ligen auf Kreisebene die Zeitstrafe getestet. Wie fallen die bisherigen Erfahrungen aus?

Ich habe die Zeitstrafe vorher nicht befürwortet und mir sind in dem halben Jahr noch keine Argumente vorgetragen worden, die dafür sprechen, dass dies der Heilsbringer ist. Auch mit den Vereinen wurde darüber gesprochen. Ein Beispiel eines Vereins: »Unsere Jungs haben jetzt verstanden, wie es geht und wissen, dass sie sich mehr erlauben dürfen.« Andere sagen, ja, ist ok, unterm Strich bringt es aber nicht sehr viel weiter, weil wir durch das Ein- und Auswechseln ja auch die Option zum Abkühlen »emotional überhitzter« Spieler haben. Interessant ist, dass wir insgesamt mehrere Sportgerichtsverfahren hatten, weil die Schiedsrichter mit einigen Regelungen durcheinander gekommen sind. Zum Beispiel, weil es Zeitstrafen nicht in Freundschaftsspielen gibt. Oder auch, weil der Unterschied zu den Junioren ist, dass da Zeitstrafen jederzeit möglich sind, bei den Senioren aber nur nach der ersten gelben Karte.

Zum Abschluss: Was sagen Sie zu den Verwerfungen zwischen dem Deutschen Fußball-Bund und dem hessischen Verband?

Am liebsten gar nichts, aber: Für unsere Vereine ist dieses personelle Verbandsgehabe völlig unwichtig. Ich stelle aber wieder fest, dass einige Funktionäre schneller einem anderen das Messer in den Rücken stecken, als sich mit der Sache zu beschäftigen und sich selbst zu wichtig nehmen.

Wird es Andreas Bernhardt auch noch nach dieser Amtszeit noch als Kreisfußballwart geben?

Beim Kreisfußballtag 2020 habe ich gesagt, dass ich nach dieser Amtszeit nicht mehr antrete. Das steht noch!

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