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Für einen Jahresabschluss nach Maß für die Eintracht sorgt Jesper Lindström (2.v. r.), der den Siegtreffer gegen Mainz erzielt.

Beste Laune bei der Eintracht

Im Sommer gab es in Frankfurt einen Trainerwechsel und einen drohenden Rechtsstreit wegen der Zuschauerzulassung. Dann folgte eine schwere sportliche Krise. Nach einer famosen Serie können Chefcoach Glasner und Bobic-Nachfolger Krösche zufrieden Weihnachten feiern.

Corona, das ist nun keine ganz exklusive Botschaft, hat die Welt ja ganz schön ins Wanken gebracht, den Spitzenfußball natürlich ebenfalls. Da gibt es allerlei Irrungen und Wirrungen, Spielabsagen, Partien im Geisterhaus, Interviews am Laptop und dergleichen mehr. Und so wunderte sich zunächst auch niemand wirklich, als am Samstagabend nach dem fälligen Bundesligaspiel zwischen Eintracht Frankfurt und dem FSV Mainz 05 die auswärtigen Rheinhessen in die Rolle der Gastgeber schlüpften, den PK-Raum im Frankfurter Waldstadion für sich alleine in Anspruch nahmen und Trainer Bo Svensson in bester Didi-Hamann-Manier gegen die eigene Mannschaft nageln ließen. Doch weder Delta noch Omikron waren schuld daran, dass die Pressekonferenz nicht wie üblich gemeinsam abgehalten wurde, sondern die Eintracht. »Sie haben noch eine interne Besprechung«, wie die Mainzer Sprecherin Silke Bannick aufklärte.

Glasner musste am Samstag in jener 35. Minute des Spiels seiner Frankfurter Eintracht gegen Mainz 05 einfach das Herz aufgegangen sein. All die mühsame Arbeit, das Austüfteln der Spielideen im Trainerzimmerchen, das ständige Wiederholen der Abläufe auf dem Übungsplatz, die Rückschläge, die Fortschritte, all das mündete zum Jahresabschluss in dieser Aktion: zwölf Sekunden, acht Ballkontakte, fünf Protagonisten, ein Siegtor.

»In Perfektion« habe seine Elf das entscheidende 1:0 herausgespielt, sagte Glasner, mit lediglich ein, zwei Ballkontakten der Beteiligten, ein Treffer nach dem Motto »Wünsch-dir-was« für einen Trainer, so Glasner. Der Ballgewinn von Makoto Hasebe, der Pass zu Daichi Kamada, dessen Weiterspitzler zu Lindström, der Rückklatscher zu Sebastian Rode, der Direktpass in die Tiefe zu Rafael Borré, die gekonnte Ballmitnahme des Stürmers, dessen schneller Lauf und Querschieber zurück zu Jesper Lindström, der Schuss ins verwaiste Tor - der Jubel.

Kurze Zeit nach den Mainz-Offiziellen trat dann Oliver Glasner auf, entschuldigte sich artig für die Verspätung. Doch das Meeting mit der Mannschaft habe keinen Aufschub geduldet. »Wir wollten die Spieler nicht länger aufhalten und haben unsere Abschlussbesprechung gleich abgehalten. Ich habe mich bei ihnen bedankt.« Und dann: Weihnachtsferien. »Sie sollen für zehn Tage den Fußball mal Fußball sein lassen und sich über Dinge freuen, die sonst zu kurz kommen.«

Ab in den Urlaub - mit einem verdammt guten Gefühl. »Ich gehe«, sagte der Coach, bevor er sich für ein paar Tage ins Warme verabschiedete, »mit großem Stolz in den Weihnachtsurlaub.« Das kann Glasner auch, dessen Halbjahreszeugnis laut besagtem TV-Experten Hamann nicht besser hätte ausfallen können: »Eins mit Stern.«

Nach dem letzten Spiel in 2021, dem hart umkämpften, aber ebenso verdienten 1:0 (1:0)-Erfolg gegen den Nachbarn Mainz 05, herrscht bei Eintracht Frankfurt im trüben Dezember eitel Sonnenschein. Sechs der letzten sieben Spiele hat die Mannschaft gewonnen, die Maximalausbeute von neun Punkten in der Englischen Woche geholt; sie ist die Elf der Stunde, hat sich von weit unten nach weit oben gearbeitet und überwintert mit 27 Zählern auf einem Europapokalplatz. Das ist beinahe unglaublich, vor einigen Wochen hätte niemand in den kühnsten Träumen mit solch einer Entwicklung gerechnet. So manch Funktionär hatte in seiner persönlichen Hochrechnung gar mit fast zehn Punkten weniger kalkuliert. »18 Punkte in der Vorrunde, 20 in der Rückrunde, Platz zwölf - und dann nächste Saison wieder angreifen.« Es ist anders gekommen.

Auch die Sportliche Leitung ist bass erstaunt. »Die Tabelle kann ich gar nicht glauben«, sagt Glasner. Sportvorstand Markus Krösche assistiert: »27 Punkte - das hätte vor der Saison keiner gedacht. Zumal ja auch der Start ruckelig war.« Kann man wohl sagen. Die Gesamtleitung des Jahres ist noch beeindruckender: 70 Zähler hat die Eintracht in 2021 erspielt, damit liegt sie hinter Bayern (91) und Dortmund (76) auf Rang drei und deutlich vor RB Leipzig (59). Das ist Champions-League-Niveau, die Eintracht im Reich der Könige. Auch auf europäischem Parkett haben die Hessen überzeugt, ihre Gruppe gewonnen und sich direkt fürs Achtelfinale qualifiziert.

Die Mannschaft ist gefestigt und trotzt Widerständen. Die vielen gedrehten Spiele oder die späten Treffer in der Nachspielzeit sind klare Indizien dafür. »Wir haben uns Schritt für Schritt weiterentwickelt und unsere Leistungen auf anschaulichem Niveau stabilisiert«, so Glasner. Er ist auch gefragt worden, ob er denkt, dass es in dieser Saison eine Art Initialzündung gab, die die Wende zum Guten eingeleitet hat. Vielleicht die Reise nach Athen. Oder womöglich der überraschende Erfolg in Freiburg samt ebenso überraschender Bockstark-Leistung.

»Es gibt nicht den einen Schlüsselmoment«, sagt er. Entscheidend sei, dass »wir immer bei uns geblieben sind, immer an uns geglaubt haben und uns als Gruppe nicht haben auseinander dividieren lassen.« Es habe auch Härtefälle gegeben, Spieler, die auf der Tribüne saßen, aber nie aufbegehrt oder in den Stinkstiefel-Modus geschaltet hätten. »Alle waren immer für die Mannschaft da. Das ist etwas Außergewöhnliches, das ist für mich der wahre Schlüssel.«

Frankfurts Ragnar Ache gewinnt klar das Kopfballduell gegen den Mainzer Stefan Bell.

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