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»Das Herz ist voll«

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Jubelstimmung nach dem Einzug ins Finale der Europa League bei der Frankfurter Eintracht und ihren Fans. © IMAGO

Wahnsinn. Die Frankfurter Eintracht steht im Finale der Europa League gegen Glasgow Rangers. Die Fans sind aus dem Häuschen, Verantwortliche wie Spieler haben Tränen in den Augen.

Als die Dämme brachen, kurz vor 23 Uhr an diesem 5. Mai 2022 im Stadtwald, war der Präsident mittendrin, wo auch sonst. Peter Fischer, mit rotem Eintracht-Schal um den Hals, badete förmlich in der Menge. Einem weißen Meer, das den Rasen flutete, er saugte diese ganz spezielle Atmosphäre, diese ungezwungene Freude, diese Glut, diesen Überschwang in sich auf, genoss das Momentum. Und natürlich ließ er sich anstecken von diesem chaotischen Gefühlskarussell, die Augen wurden ihm schnell feucht, da war er wahrlich nicht der Einzige an diesem denkwürdigen Abend. »Und jetzt im Finale, Tradition gegen Tradition, Weltklasse«, sagte er ins TV-Mikrofon, das Herz voll, die Zunge locker, »das ist pure Lebensfreude.«

Auch die, die es am Ende geschafft hatten, West Ham United im Halbfinale in zwei Spielen zu besiegen, 2:1 in London, 1:0 in Frankfurt, die Spieler, sie spürten am eigenen Leib diese Leidenschaft, diese Verbundenheit ihrer Anhänger: Sie alle wurden in den Arm genommen, geherzt, umarmt, keiner blieb allein. Gerade Martin Hinteregger, der für die restliche Saison verletzt ausfallende Fan-Liebling, aber auch alle anderen, Kevin Trapp schier aus dem Häuschen, Ansgar Knauff, der Aufsteiger der Rückrunde, Rafael Borré, der Torschütze. jeder, der zu greifen war, wurde überschwemmt von Emotionen, überrollt, übermannt. Natürlich ist ein Platzsturm nicht das, was die gestrengen Regelhüter der UEFA sehen wollen, und es stellt sich auch die Frage, ob es sehr clever ist, unter den Augen der kompletten UEFA-Chefetage mit Boss Aleksander Ceferin an der Spitze über die Bande zu springen, das dürfte Eintracht Frankfurt eine Stange Geld kosten. Aber alles war sehr friedlich, fast schon gesittet abgelaufen, bar jeder Aggressivität und wirklich nicht zu vergleichen mit Platzstürmen aus dunkler Vergangenheit. »Die Fans wollten ihre Lieblinge drücken, das war pure Freude und Dankbarkeit«, sagte später ein erstaunlich abgeklärter Trainer Oliver Glasner, der ebenfalls mit seinen drei Kindern im Final-T-Shirt (»Sevilljaaaa in diesem Jahr«) Objekt der Begierde war. Er nahm es gelassen: »Das Schönste ist doch, wenn man den Menschen Freude bereiten kann.« Der Österreicher, der vor seinem größten sportlichen Triumph steht, hatte nur in »glückliche Gesichter« geschaut an diesem besonderen, an diesem »wunderbaren Abend«. Und dieser Abend war noch lange nicht zu Ende, nicht in der Stadt, nicht in der Eintracht-Kabine, in der Feierbiest Gonçalo Paciência den Takt vorgab und es im Kern nicht viel anders zuging als bei einer Aufstiegsfeier in die Kreisoberliga beispielsweise.

Eintracht Frankfurt hat mit dem Erreichen des Finales am 18. Mai in Sevilla in der Tat einen Meilenstein gesetzt, wie das Vorstandssprecher Axel Hellmann schon die Tage zuvor gesagt hat. Als letzter deutscher Vertreter in einem europäischen Endspiel zu stehen, kommt wahrlich nicht alle Tage vor, letztmals hatte das im Mai 2009 Werder Bremen geschafft, unterlag aber Schachtar Donezk nach Verlängerung 1:2. 25 Jahre ist es her, dass Schalke 04 letztmals einen Titel in diesem Wettbewerb holte, den Sportvorstand Markus Krösche »den kleinen Bruder der Champions League« nannte. Ewige 42 Jahre gar, dass die Hessen letztmals den UEFA-Pokal, wie er damals hieß, in die Luft stemmte. Und jetzt? »Jetzt wollen wir Europa-League-Sieger werden, ganz klar«, sagt Krösche. Der Mann, im Sommer als Nachfolger von Fredi Bobic gekommen, hat in seinem ersten Jahr in Frankfurt ohne Zweifel mehr erreicht als gedacht, vor allem nach dem Stotterstart mit dem Aus in der ersten Pokalrunde beim Drittligisten Waldhof Mannheim und einem dann doch erheblichen personellen Umbruch. An ein europäisches Finale mit der Eintracht habe er als Letztes gedacht, da waren andere Dinge auf seinem Schirm. So ging es auch Kevin Trapp, der 18. Mai schien damals im September, als die erste Partie bei Royal Antwerpen angepfiffen wurde, »so weit weg«, nun ist der Pott mit Händen zu greifen.

Den Schlüssel für diesen Erfolg in dieser »sehr, sehr außergewöhnlichen Europa-League-Saison« sieht Krösche in allererster Linie darin, dass man als Eintracht Frankfurt »diesen Wettbewerb zu 100 Prozent angenommen« habe, die Mannschaft habe es geschafft, in jedem der zwölf ungeschlagen überstandenen internationalen Spiele »zu 100 Prozent« an ihre Grenzen zu kommen, »nicht einer, sondern alle«.

Wenn das Flutlicht in Europa angeschaltet wird, hat Fußballlehrer Glasner längst erkannt, »dann packen wir alles rein in diese Nächte, wir sind emotional drüber«, im Gegensatz zu den Spielen in der Liga, die insgesamt enttäuschend verliefen, »da liegen wir emotional drunter«: Und nach Lage der Dinge wird sich daran auch nichts ändern. Es ist schwer vorstellbar, dass die Hessen am Sonntag im Heimspiel (15.30 Uhr/DAZN) gegen Bor. M’gladbach weder ihre miese Heimbilanz aufhübschen, noch die Rückrundenstatistik (13 Punkte) entscheidend verbessern können.

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