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Lewis Hamilton (l.) und Max Verstappen vor dem Showdown in Abu Dhabi.

Das Misstrauen regiert

(sid). Als die Vertrauensfrage gestellt wurde, wog Lewis Hamilton seine Worte sorgfältig ab. Drei, vier Sekunden nahm er sich Zeit. Ob er sich sicher sei, dass Max Verstappen es nicht auf einen Crash anlege? »Ich gebe dem keine Energie. Jeder will auf die richtige Weise gewinnen«, antwortete der Rekordweltmeister schließlich ausweichend.

Auf der Strecke schenken sich die Formel-1-Alphatiere und Titelrivalen keinen Zentimeter, bei der gemeinsamen Pressekonferenz vor dem Saisonfinale in Abu Dhabi (Sonntag, 14 Uhr/Sky) zogen sie aber einträchtig zurück.

Titelentscheidung durch Kollision, so wie einst bei Alain Prost, Ayrton Senna oder Michael Schumacher? »Als Fahrer denkst du darüber nicht nach. Die Medien lancieren diese Themen«, sagte Verstappen, der neuer Weltmeister wäre, wenn beide die Punkteränge verpassen sollten - und der mit Hamilton am vergangenen Sonntag in Dschidda mehrfach auf der Strecke teils strafwürdig aneinandergeraten war.

Hamilton, eineinhalb Meter entfernt vom Rivalen und durch den WM-Pokal getrennt, sah ebenfalls keinen sonderlichen Gesprächsbedarf mit dem punktgleichen Rivalen nach den jüngsten Vorfällen. Möge der Bessere gewinnen, schien das Motto zu lauten.

Deutlich gesprächiger war Verstappen in einer von seinem Red-Bull-Team ausgerichteten Online-Medienrunde am Donnerstagmittag. »Warum sollte ich etwas an meinem Ansatz ändern?«, fragte er rhetorisch und erklärte, er fühle sich von den Rennkommissaren benachteiligt: »Ich wünsche mir, dass es fair zugeht, das ist nicht der Fall.«

Auf die Frage, ob er Hamilton zu dessen dann achtem WM-Titel gratulieren würde, antwortete Verstappen: »Sicherlich - wenn alles fair abläuft.« Das Misstrauen regiert, wenn auch unterschwellig. Viele Altvordere wurden nach dem jüngsten Chaosrennen von Dschidda um ihre Einschätzung gebeten, die meisten sahen die Schuld eher bei Verstappen. »Seine Emotionen und sein unbedingter Drang, Weltmeister zu werden, in allen Ehren, aber er muss sich ein bisschen zügeln«, sagte etwa Sky-Experte Ralf Schumacher. »Er ist besser als das. Es wäre sehr schade, wenn sein Vermächtnis das eines unfairen Fahrers wird«, kommentierte der Brite Martin Brundle, 1992 Teamkollege von Michael Schumacher bei Benetton. Hamilton gab sich in den Tagen vor dem Showdown unbeeindruckt und selbstbewusst. Drei Siege in Serie, sein bester Lauf des Jahres, haben den Briten beflügelt. Er weiß um seinen starken Motor, der auf der umgebauten Strecke von Abu Dhabi wieder zum Trumpf werden soll.

Die beiden langen Geraden sind unverändert, aber zwei verwinkelte Passagen wurden in lang gezogene Kurven verwandelt. Der Yas Marina Circuit ist flüssiger geworden. »Der Umbau ist schlecht für uns, weil die Strecke jetzt mehr Vollgas-Anteil hat«, befürchtet Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko.

Rennleiter Michael Masi will eine Kollision auf jeden Fall verhindern. In den »Anmerkungen zur Veranstaltung« wies er ausdrücklich auf nachträgliche Sanktionsmöglichkeiten für »unsportliches Verhalten« hin, konkret Punktabzüge und Sperren.

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