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Der Glaube ist da

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Auf Martin Hinteregger und Torwart Kevin Trapp kommt heute in Barcelona sicher viel Arbeit zu. Sie wollen mit der Eintracht im Camp Nou ein Fußballmärchen schreiben. © IMAGO

Das 1:1 im Hinspiel hat Eintracht Frankfurt Selbstvertrauen gegeben. Heute Abend wollen die Hessen im Viertelfinal- Rückspiel der Europa League beim großen FC Barcelona Fußball- Geschichte schreiben.

Freundlich war der Empfang in Barcelona nicht - 15, 16 Grad, grauer Himmel, den ganzen Tag über fiel leichter Nieselregen, als Eintracht Frankfurt, die Fußball-Mannschaft, die am Donnerstag (21 Uhr/RTL) eine der größten Sensationen der jüngeren Vereinsgeschichte plant, am Mittwochnachmittag gegen 17 Uhr in der katalanischen Metropole angekommen war. Aber das Wetter war natürlich Nebensache, und die Frankfurter Entourage musste ja auch nicht mehr in kurzen Hosen vor die Tür, das Abschlusstraining vor dem großen Spiel hatten sie, wie immer in der Europa League, noch in Frankfurt absolviert. Dann begann das große Abenteuer.

Eigentlich hat es ja schon mit dem Tag der Auslosung begonnen, am 18. März war es, als den Hessen der FC Barcelona ins Körbchen fiel, ein absolutes Traum- und Wunschlos, und seitdem hat dieser Verein die Schlagzahl immens erhöht. Ein Pflichtspiel gegen eine der größten Mannschaften des Planeten ist so etwas wie ein Geschenk des Himmels. Es ist eine Chance, sich voller Stolz ins Rampenlicht zu stellen, eine unverhoffte Gelegenheit, sich von seiner Sahneseite zu zeigen. Und das ist, so hat es bislang den Anschein, dem Klub ausnehmend gut gelungen: Allein der erste Auftritt vor einer knappen Woche im Heimspiel gegen die Katalanen, jenes hochverdiente 1:1, hat Eintracht Frankfurt großen Respekt eingebracht. Die Art und Weise, wie die Mannschaft den Kampf gegen den übermächtigen Gegner angenommen hat, war aller Ehren wert.

Aber für Eintracht Frankfurt sollen diese schnell zu Jahrhundert-Ereignissen hochgejazzten Partien keine einmalige Sache sein: Im Grunde basteln sie seit dem Tag der Auslosung an der Sensation, das fing damit an, dass Trainer Oliver Glasner sein Team nach der Ziehung bat, im Raum zu bleiben, denn schließlich werde danach noch das Halbfinale ausgelost. Man möge sich doch schon mal mit dem nächsten Gegner beschäftigen.

Und das setzte sich auf der Geschäftsstelle, im inneren Zirkel, im Umfeld, in der Stadt bei den Fans sowieso fort: Bald, so hieß es, entwickelte Eintracht Frankfurt eine Gewissheit, diesen Gegner tatsächlich wuppen zu können. Es herrschte, erzählen Insider gerne, seit der Auslosung im Proficamp im Herzen von Europa eine Stimmung und eine Zuversicht wie vor dem Pokalfinale 2018, das die Eintracht bekanntlich gegen den ebenso übermächtig scheinenden FC Bayern mit 3:1 gewonnen hatte. Der Glaube daran, den FC Barcelona aus dem Wettbewerb zu kegeln, ist da. Und er ist echt.

Tatsächlich ist es so, dass der couragierte Auftritt aus dem Hinspiel das Selbstbewusstsein der Mannschaft noch einmal gestärkt hat: Sie weiß jetzt, dass sie dem FC Barcelona Paroli bieten kann, dass sie eine Chance hat - wenn auch eine kleine. In Frankfurt lag ein Sieg im Bereich des Möglichen. Und womöglich ist es auch kein Nachteil, wenn bislang aus Barca-Sicht alles nach Plan läuft: ein Remis auswärts, und zu Hause machen wir es dann klar. Denn weiterhin schweben die Spanier in anderen Sphären als in der Europa League. Und allein im riesengroßen Camp Nou ist Eintracht Frankfurt auch nicht, 20 000, vielleicht 25 000 Fans, in weiß gekleidet, haben sich angekündigt.

Chance auf etwas ganz Großes

Ein Weiterkommen gegen das Dreamteam aus Barcelona wäre ein Ereignis aus der Kategorie Märchen, ein Fußballwunder. Eintracht Frankfurt würde in eine neue Dimension vordringen, es wäre ein Quantensprung, nicht mit Geld aufzuwiegen - selbst wenn das Erreichen des Halbfinales (gegen den Sieger aus Olympique Lyon gegen West Ham United) zusätzlich mit 2,8 Millionen Euro versüßt wird. Ein Weiterkommen könnte die Frankfurter, deren Steigflug vor zwei Jahren durch die enormen Einbußen der Corona-Pandemie radikal ausgebremst wurde, neu durchstarten lassen. Und sich womöglich - über einen Erfolg in der Europa League - in der Champions League wiederfinden. »Es wäre«, wie Glasner unlängst sagte, »der kürzeste Weg«, weiterhin in Europa spielen zu dürfen.

Ein Sieg im Jahrhundertspiel würde in die Annalen des Klubs eingehen, würde in einer Reihe stehen mit den die Vereins-Identität prägenden Leuchtturmspielen des UEFA-Cup-Gewinns 1980, dem Drama in Rostock, dem Ab- und Aufstiegswunder, das Pokalfinale von 2018, Spiele, die sich für immer ins kollektive Gedächtnis einprägt haben.

Aber das sind Träume. Die Wahrscheinlichkeit, dass Camp Nou das Ende einer feinen Dienstreise sein wird, ist hoch. Es wäre das Normalste von der Welt - und doch auch ein kleiner Fall ins Nichts.

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