Der schmale Grat des TV Hüttenberg

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HÜTTENBERG - Hüttenberg. Es ist vielleicht nur eine kleine Auszeichnung, und doch zeigt sie eine gewisse Wertschätzung. Die besondere Belobigung der Jury des Fair Play-Preises des deutschen Sports 2020, die Handball-Zweitligist TV Hüttenberg für seine Einkaufsaktion im ersten Lockdown erhalten hat. "Ich finde, es ist ein deutliches Signal, dass du etwas gemacht hast, womit du deiner Vorbildrolle gerecht wirst.

Und vor allem, dass die Botschaft, die wir vermitteln wollen, auch wahrgenommen wird", freut sich TVH-Geschäftsführer Fabian Friedrich über die Auszeichnung, stellt aber auch klar: "Das ist nichts, womit wir jetzt hausieren gehen. Denn das ist dann nicht mehr so authentisch, wie wir es gemeint haben."

Es ist ein schmaler Grat, auf dem Proficlubs wie die Hüttenberger in dieser mittlerweile fast ein Jahr andauernden Pandemie wandeln. Präsent sein, ohne das direkter Kontakt mit den Fans möglich ist, das wirtschaftliche Überleben ohne Zuschauereinnahmen sichern und zugleich jene Solidarität nicht unter den Tisch fallen zu lassen, die gerade im ersten Lockdown noch immens groß geschrieben wurde. Wie schnell sich die Dinge ändern, zeigt nicht zuletzt das Beispiel Hüttenberg. Denn die Einkaufsaktion für (überwiegend ältere) Personen im März des vergangenen Jahres war ziemlich schnell nicht mehr gefragt.

Die Pandemie hat ihre eigene Dynamik entwickelt. "Aktuell geht es nur noch darum, dass keiner mehr Bock auf diese ganze Corona-Sache hat und jeder nur noch versucht, rein für sich irgendwie durch diese Krise zu kommen. Aber genau das ist nicht die Intention, die jetzt verfolgt werden sollte. Es geht vielmehr darum, zu schauen, dass wir alle gemeinsam durch diese Krise kommen", unterstreicht Friedrich, der deshalb auch weiterhin auf Hilfsaktionen setzt. Sei es bei der Gießener Tafel oder auch für angeschlagene Partner. "Wir haben nach wie vor die Absicht, eine Vorbildfunktion zu erfüllen. Das hat also nicht nur einen rein werblichen Wert", so Friedrich. Weil es eben aber auch um die wirtschaftliche Sicherung von Arbeitsplätzen geht und es, je länger die Pandemie dauert, finanziell nicht rosiger wird, fährt der TVH auf den sozialen Kanälen mittlerweile zweigleisig.

"Es ist ein Drahtseilakt zwischen Werbepartnern und Infos für Fans", so Conrad Melle, der im Oktober die durch den Abschied von Kim Martin Heeß vakant gewordene Stelle als Leiter Kommunikation und Medien übernommen hat. "Die sozialen Medien sind leider das einzige Sprachrohr, das in der aktuellen Situation noch übrig ist, daher sind sie umso wichtiger", weiß der 32-Jährige. Durch den Hack des Hüttenberger Instagram-Account inklusive Erpressungsschreiben (wir berichteten) sei diese Kommunikation noch ein wenig schwieriger geworden. "Das Schlimmste an der ganzen Sache ist, dass wir bis heute noch nichts von Facebook (Mutterkonzern von Instagram, Anm. d. Red.) gehört haben. Selbst das Landeskriminalamt, das schnell die Ermittlungen übernommen hat, hat Facebook mehrfach kontaktiert. Aber bislang kam noch überhaupt nichts von Facebook."

Stück für Stück ist der TVH nun dabei, einen neuen Account aufzubauen, um präsent zu bleiben. Dennoch sind sich Friedrich und Melle einig: "Das Nahbare, wofür der Handball und wir als Verein stehen, geht verloren. Wir dürfen unsere Kanäle und digitalen Präsentationsmöglichkeiten nicht bis ins Ultimo ausreizen", so Friedrich. Melle ergänzt: "Was man einfach über die sozialen Medien nicht kann, ist, nach dem Spiel mit den Fans und Spielern in der Halle zu stehen, und über das gesehene Handball-Spiel zu philosophieren." Sie eint die Hoffnung so vieler, irgendwann wieder Erfolge wie auch Niederlagen mit den Zuschauern live in der Halle erleben zu können. Bis dahin wandelt der TVH zwischen virtueller Präsenz, wirtschaftlicher Überlebenssicherung und gelebtem Zusammenhalt. Die Belobigung des Fair Play-Preises zeigt zumindest ein wenig, dass dieser Weg bis dato nicht ganz unerfolgreich war.

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