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Der Sehnsuchtsort

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Legendärer Fußballtempel: 99 354 Zuschauer fasst das Camp Nou des FC Barcelona offiziell. © IMAGO

Um das berühmte Camp Nou des FC Barcelona, in dem die Frankfurter Eintracht am Donnerstag um den Halbfinal-Einzug in der Euopa League kämpfen wird, ranken sich viele Mythen und Legenden - manche stimmen sogar.

Der Tourist aus Österreich war beeindruckt. Beeindruckt von der Größe, von der Erhabenheit, von der Pracht. Eigentlich sind alle Touristen beeindruckt, nachdem sie die U-Bahn Linie 5 bei Collblanc oder 3 bei Palau Reial verlassen haben und im »Heiligtum des Barcelonismus«, wie es heißt, spazieren gegangen sind: dem Camp Nou, jener legendären, 99 354 Zuschauer fassenden Betonschüssel im Herzen der katalonischen Hauptstadt.

Auch Tourist Oliver Glasner war beeindruckt, als er vor einigen Jahren im spanischen Fußballtempel mit seiner Familie weilte und das Besucherprogramm durchlief. Damals war er noch Trainer des Linzer Athletik-Sportklubs, 2. österreichische Liga, und niemals, wirklich niemals »hätte ich damals gedacht, dass ich hier mal als Trainer ein Pflichtspiel bestreiten werde«, wie Glasner dieser Tage im Podcast von Eintracht Frankfurt sagte. Ein Traum sei wahr geworden, »für mich das Karriere-Highlight schlechthin«.

Am Donnerstag (21 Uhr/ RTL) also wird Eintracht Frankfurt nach dem 1:1 im Hinspiel erstmals in der Vereinsgeschichte in einem Pflichtspiel diesen besonderen Rasen im Camp Nou, dem neuen Feld, betreten. Camp Nou - das ist mehr als ein Fußballstadion, genauso wie der FC Barcelona mehr ist als ein Klub. Camp Nou - das ist ein Verheißungsort, ein Sehnsuchtsort, ein Ort, den eine beinahe schon mythische, ganz spezielle Aura umweht. Eine Pilgerstätte für jeden Fußballromantiker, der die Magie dieses Sports aufsaugen mag. Hier, im Wohnviertel Les Corts, steht Europas größtes Stadion, hier pflegt man Geschichte zu schreiben, nicht nur sportlich: Die Arena ist zugleich ein Sinnbild für die Bestrebungen Kataloniens nach Unabhängigkeit.

Es gibt keine klassische Fankurve

Der FC Barcelona, sagen viele, sei ohne das Camp Nou nicht erklärbar, das Stadion, 1957 eröffnet, gehört zur Barca-DNA, ist untrennbar mit dem 170 000 Mitglieder zählenden Klub verbunden, denen es gehört, und nicht etwa einem Trust oder der Stadt. Hier werden Titel gefeiert und neue Stars vorgestellt, als Zlatan Ibrahimovic einst kam, waren 45 000 im Stadion. In der Bundesliga gibt es vielleicht ein Foto von der Unterschrift des Neuen. Hier sangen Pavarotti, Carreras und Domingo, aber in erster Linie ist es eine Stätte der Leidenschaft, Hingabe, Begeisterung mit dem Ball.

Dabei ist es nicht so, dass es eine besonders laute Arena ist - es sei denn, der Clasico gegen den ewigen Rivalen Real Madrid steht an. Ansonsten ist das Publikum eher zurückhaltend, es gibt keine klassische Fankurve, seit Präsident Joan Laporta 2003 der rechten Ultra-Gruppe Boixos Nois Stadionverbot erteilt hat, es gibt keine Stehplätze. Die Zuschauer in Camp Nou kommen aus dem gutbürgerlichen Milieu, es ist ein fachkundiges Publikum, keines, das krakeelt und sich allenfalls mitreißen lässt, wenn die Leistungen auf dem mit der Nagelschere geschnittenen, stark bewässerten Rasen - um das Spiel schneller zu machen -, außergewöhnlich sind. Man pflegt eine gewisse Grandezza.

»Fans in Barcelona kommen unmittelbar vor dem Anpfiff mit der Mentalität eines Zuschauers, der etwas geboten bekommen will«, sagt Ronald Reng, der renommierte Sportbuchautor, und er muss es wissen. Er hat über den FC Barcelona ein Buch geschrieben (»Die Entdeckung des schönen Fußballs«) und er hat von 2001 bis 2012 im Schatten von Camp Nou gelebt. Und vorher gehen sie in den umliegenden Restaurants und Bars essen. 85 000 der knapp 100 000 Tickets sind Dauerkarten, Neukunden müssen oft jahrelang auf einer langen Warteliste ausharren. Ein »Hexenkessel«, wie Barca-Trainer Xavi nach dem Hinspiel in Frankfurt sagte, dürfte die Eintracht eigentlich nicht erwarten, das ist in Barcelona eher unüblich.

»Die Leute reagieren auf das Spiel«, sagt Reng, nicht auf einen Capo, einen Vorsänger. Der Besuch eines Spieles des fünffachen Champions League-Siegers gilt als gesellschaftliches Ereignis, wer reindarf, gehört dazu. Tradition ist natürlich die »Cant del Barca«, die Vereinshymne, die vor dem Anpfiff gespielt wird und an deren Ende alle »Barca, Barca, Barca« singen.

Karriere-Tiefpunkt für Kevin Trapp

Legendär sind im Camp Nou die Aufholjagden, »la Remontada«, und die berühmteste ist jene, an die Eintracht-Schlussmann Kevin Trapp keine besonders guten Erinnerung hat. Damals, am 8. März 2017, drehte Barca nach einer 0:4-Hinspielpleite bei Paris St. Germain das Match in den letzten Minuten noch und gewann sensationell mit 6;1, Trapp sah bei vielen Toren nicht besonders gut aus, es war der Tiefpunkt seiner Karriere, der ihm im Grunde bald auch den Job bei PSG kostete. »Eine andere Mannschaft, ein anderer Verein, ein andere Situation«, sagte Trapp jetzt schmallippig, als er an diese schwarze Stunde erinnert wurde. Er selbst werde zwar immer weiter danach gefragt, aber dies sei längst »nicht mehr im Kopf«.

Mit einem Mythos freilich muss aufgeräumt werden: Das Spielfeld in Camp Nou ist nicht wesentlich größer als üblich, die Maße des Platzes sind 105 x 68 Meter, so viel misst etwa auch die Anlage im Frankfurter Stadtwald. Nur wirkt das Spielfeld in Barcelona angesichts der Dimensionen der Gesamtkonstruktion halt nur um so vieles größer.

Ab diesem Sommer übrigens erhält die legendäre Spielstätte einen neuen Namen. Es ist natürlich ein Frevel, aber Barca, mit etwas um eine Milliarde Euro in der Kreide, braucht das Geld - 65 bis 70 Millionen Euro wird der Sponsor für die Namensrechte per annum zahlen, vier Jahre lang. Dafür heiß das drittgrößte Stadion der Welt künftig »Spotify Camp Nou«. Offiziell zumindest.

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