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Die Geburtsstunde der »Jahrhundertelf«

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Groß ist die Freude nach dem 3:1-Triumph gegen England im Wembley-Stadion bei (v. l.) Siggi Held, Herbert Wimmer, Uli Hoeneß, Paul Breitner (verdeckt), Sepp Maier (verdeckt), Gerd Müller, Günter Netzer, und Georg Schwarzenbeck. © IMAGO

(sid). 96 800 Zuschauer. Wembleystadion. Alles deutet an diesem legendären 29. April 1972 zwischen England und Deutschland auf ein Remis hin, als Siggi Held an der linken Strafraumkante in den Zweikampf mit Bobby Moore geht. Schiedsrichter Robert Helies pfeift. Elfmeter. Der überragende Günter Netzer verwandelt in der 85. Spielminute, kurz darauf sorgt Gerd Müller aus der Drehung für den 3:

1-Endstand. Der Mythos »Jahrhundertelf« ist geboren.

»Wir waren der Perfektion sehr nahe. Der Sieg in Wembley hat den Geist dieser Mannschaft geprägt«, sagte Netzer Jahrzehnte später über den ersten Erfolg überhaupt einer deutschen Nationalmannschaft auf englischem Boden, der ein Meilenstein zum Triumph bei der Europameisterschaft in Belgien war. Noch heute bekommen Fußballfans beim Gedanken an die Partie, die am Freitag vor genau 50 Jahren stattfand, Herzklopfen.

Der Coup hatte sich keineswegs angekündigt, kaum ein Experte hätte zuvor auf einen deutschen EM-Titelgewinn gesetzt. »Schlimmer ging’s nicht, England!«, titelte der »Kicker« entsetzt, als der Gegner für das Viertelfinalduell in der Europameisterschafts-Qualifikation feststand.

»Wenn wir hier weniger als fünf Stück kriegen, haben wir ein Riesenresultat erzielt«, unkte Regisseur Netzer vor der Partie. Seine Mönchengladbacher und auch der FC Bayern steckten im Frühjahr 1972 in einer Formkrise, zudem fehlten unter anderem in Berti Vogts und Wolfgang Overath etablierte Kräfte. Deutschland hatte in fünf Anläufen in England nie gewonnen, das verlorene WM-Endspiel 1966 (2:4 n.V.) schmerzte wie ein Stachel.

Doch nicht die Three Lions, sondern die in ihren grünen Ausweichtrikots spielenden Deutschen um Franz Beckenbauer, Müller, Netzer und Sepp Maier dominierten die Partie im Dauerregen in London. Verantwortlich dafür war ein gewagter taktischer Kniff. Netzer ließ sich aus dem Mittelfeld oft auf die Höhe der Abwehrspieler zurückfallen und entzog sich so seines direkten Gegenspielers. »Aus der Tiefe des Raumes« stieß der 27-Jährige nach vorne, im kongenialen Wechselspiel mit Libero Beckenbauer. Und auch ein 20 Jahre alter Neuling namens Uli Hoeneß trumpfte auf und traf in der 26. Minute zur Führung.

Den Ausgleich der Engländer durch Francis Lee (77.) konterten die Gäste dann eindrucksvoll. Das war »die beste Leistung einer deutschen Nationalmannschaft überhaupt«, schwärmte Bundestrainer Helmut Schön.

Die französische Sportzeitung »L’Equipe« fabulierte von »Traumfußball aus dem Jahr 2000«, in Deutschland wurde der Ramba-Zamba-Fußball gefeiert. Das Rückspiel in Berlin endete 0:0, Deutschland war für die EM-Endrunde qualifiziert und gewann am 18. Juni 1972 mit einem 3:0-Sieg gegen die Sowjetunion den Titel.

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