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»Die Sonne scheint«

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Trainer Torsten Lieberknecht hat die Lilien an die Zweitliga-Spitze geführt. © IMAGO

(dpa). Als der Vertrag zwischen dem SV Darmstadt 98 und Torsten Lieberknecht im vergangenen Sommer eingetütet war, da schickte der Trainer seinen engsten Vertrauten den Link zur Vereinshymne aufs Handy. Die beginnt mit »Die Sonne scheint« und besteht aus vielen »Oh Lilien«, aus »ole, ole, ola« und natürlich »Tor, Tor, Tor!«. Die heitere Melodie von Alberto Colucci könnte bald wieder in der Bundesliga ertönen.

Lieberknechts Team steht in Liga zwei überraschend ganz oben: auf dem Platz an der Sonne.

Lilien-Fans sagen: Es ist das schönste Clublied im deutschen Profigeschäft. Und mit Fußball-Romantik, da kennen sich die Darmstädter aus. Zwischen 2013 und 2015 marschierten die Südhessen von der 3. bis in die 1. Liga durch - gefeiert wurde tagelang.

Plötzlich kannten alle diese leidenschaftlich kämpfende Mannschaft: Trainer Dirk Schuster, den einstigen Grätscher. Einen Stürmer mit dem merkwürdigen Namen Dominik Stroh-Engel (mit Fußball-Vergangenheit beim SC Waldgirmes), dessen Arbeitgeber später auf dem Weihnachtsmarkt mit reißendem Absatz Strohengel verkaufte. Einen Kapitän namens Aytac Sulu, der sich auf dem Platz allen entgegenwarf. Einen Flügelflitzer namens Marcel Heller, dem eine Punkband den Song »Heller ist schneller« widmete. Und: »Der furchterregendste Bart des deutschen Fußballs«, wie »Die Welt« einmal über den Mann mit der mächtigen Matte titelte: Angreifer Marco »Toni« Sailer.

Für Nostalgiker ist Darmstadt 98 eine wahre Fundgrube, die Gegenwart glänzt aber auch: In einer Spielklasse mit vielen großen Namen wie FC Schalke 04, Hamburger SV, Werder Bremen oder 1. FC Nürnberg thronen die Lilien vor dem Spitzenspiel am Sonntag (13.30 Uhr/Sky) gegen den HSV über allen. »Wir wollen da so lange mitmachen, wie es geht, und unsere Spiele gewinnen«, sagte Routinier Tobias Kempe.

Von der wilden Truppe damals sind nur noch Kempe (32) und Fabian Holland (31) dabei. »Die Mannschaft ist schon anders«, sagte Mittelfeldspieler Kempe. »Aber denselben Teamgedanken haben wir. Das spürt man einfach auch.« Einen großen Anteil daran habe Chefcoach Lieberknecht (zuvor MSV Duisburg und Eintracht Braunschweig). Kempe: »Torsten ist ein Hexer.«

Aus der Mannschaft stechen dennoch zwei heraus: Phillip Tietz und Luca Pfeifer haben jeweils zwölf Treffer erzielt. Der mutige Offensivgeist der Darmstädter ist unverkennbar, 45 Tore sind Liga-Bestwert. In der Erstliga-Zeit unter Schuster suchte Darmstadt sein Heil eher in der Defensive.

Es hat sich viel verändert am Böllenfalltor, der Verein wollte ja kein Museum werden. »Wir haben ein neues Leitbild formuliert, da steht ganz klar drin, dass wir auf Sicht die oberen Plätze der zweiten Liga herausfordern wollen. Das ist aber ein Drei- bis Fünfjahresplan«, sagte Präsident Rüdiger Fritsch in einem HR-Interview.

Früher, als Darmstadt mit seinem altmodischen Ambiente in der obersten Liga »Urinstinkte« weckte, wie es der Clubchef mal formulierte, hieß das Leitbild: »Wir Lilien. Aus Tradition anders.« Heute: »Wir Lilien.« Der Umbau des Merck-Stadions war eine Notwendigkeit. Wenn auch noch die Haupttribüne diesen Sommer fertig ist, dann fasst es 18 600 Zuschauer.

Einst saß auch der FC Bayern in einer Kabine wie in der Landesliga. »Den stinkigen Keller, wo sich der Pep Guardiola umziehen musste, hat man nur in Darmstadt gefunden«, erinnerte sich Fritsch. Unverändert ist die Begleitmusik - »Oh Lilien, oh Lilien, oh Lilien« tönt wohl für immer und ewig durch die Arena. Nach dem Sieg gegen den FC St. Pauli stand der gefeierte Lieberknecht mit feuchten Augen vor den Fans, als alle die Hymne anstimmten. »Es ist ein brutal positives Lied«, schwärmte der 48-Jährige.

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