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»Einfach mehr wagen«

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Am 15. Mai beendet Babett Peter bei Real Madrid ihre sehr erfolgreiche Karriere. © IMAGO

Die 118-fache Nationalspielerin Babett Peter (33) beendet ihre Karriere: Die Kapitänin von Real Madrid erklärt, warum sie erst mit der Familie ab Sommer in die USA zieht, um dann in Deutschland dem Frauenfußball zu helfen.

Sie haben beschlossen, Ihre lange Karriere nach der Saison zu beenden. Was sind die Gründe?

Ich möchte gerne selbst bestimmen, wann ich aufhöre - und jetzt ist der Zeitpunkt nach einer sehr erfolgreichen Saison als Kapitänin von Real Madrid gekommen. Ich hatte die letzten drei Jahre hier eine wunderbare Zeit, bin vor drei Jahren zu CD Tacon gekommen (deren Spielrecht Real Madrid dann 2020 übernahm, Anm. d. Red.) und wollte mit Real Madrid in der Champions League spielen: Jetzt haben wir uns im Viertelfinale gegen den FC Barcelona wahnsinnig gut verkauft und sogar noch die Chance, ins spanische Pokalfinale zu kommen. Meine Aufbauarbeit habe ich in Spanien also erfüllt und in Deutschland sowie auf internationaler Bühne alle Titel gewonnen, von denen ich geträumt habe.

Ist es eher der Körper oder der Kopf, der Ihnen zum Schlussstrich rät?

Es ist bei mir kein körperliches Problem, aber ich habe für mich reflektiert, dass ich mich mit bald 34 Jahren in einem anderen Lebensstadium befinde: Ich habe ein Kind, mache ein Studium und besitze Verantwortung. Ich fühle, dass ich aus dem aktiven Fußball rauswachse. Meine Mitspielerinnen sind 13, 14 Jahre jünger, und weil man so viel Zeit miteinander verbringt, merkt man deutlich, dass sich das Leben bei mir um andere Dinge dreht. Dazu kam, dass uns als Familie bereits im Januar eine unerwartete Möglichkeit angeboten wurde, sich ab Sommer gemeinsam in den USA zu verwirklichen.

Ihre Lebensgefährtin Ella Masar, eine ehemalige US-amerikanische Spielerin, die Sie in Ihrer Zeit beim VfL Wolfsburg kennengelernt haben, arbeitet bereits als Co-Trainerin in der National Women’s Soccer League bei Kansas City Current. Sie gehen mit?

Was ich sagen kann: Ich freue mich sehr, dass ich die Chance auf einen fließenden Übergang zwischen aktiver und zweiter Karriere geboten bekomme. Natürlich möchte in meinem zukünftigen Job dann auch wieder voll durchstarten, Erfahrungen sammeln und viel bewegen. Das amerikanische Franchise-System im Sport kennenzulernen, kann uns nur helfen. Ich werde im Oktober mein Master-Studium im Sportbusiness abschließen, insofern passt das sehr gut.

Was ist mit Ihrem Sohn?

Ella ist schon im Februar in die USA gezogen, unser Sohn Zykane war bis April bei mir, jetzt ist auch er bereits drüben. Wir möchte die nächsten drei, vier Jahre noch viele Erfahrungen über den Fußball sammeln, bis der Kleine in die Schule kommt. Danach wollen wir sesshaft werden, und es ist eigentlich für uns zu 95 Prozent klar, dass wir bis dahin wieder in Deutschland leben möchten, wo ich viel Entwicklungspotenzial im Frauenfußball sehe. Da habe ich große Lust, wieder bei einem guten Projekt mitzuarbeiten.

Sie sind Weltmeisterin, Europameisterin, Olympiasiegerin, dazu Champions-League-Siegerin, mehrfache deutsche Meisterin und Pokalsiegerin. Was ragt aus Ihrer Titelsammlung heraus?

Das ist nach fast 18 Jahren wirklich schwierig. Aber natürlich gab es Highlights, die man sein Leben nie vergessen wird. Das Champions-League-Finale mit Turbine Potsdam 2010 war sicher eines der emotionalsten Endspiele, die ich bestritten habe. Besonders war für mich auch die olympischen Goldmedaille 2016 in Rio, denn vorher hatte ich viel mit Verletzungspech zu kämpfen. Aber das was wirklich hängen bleibt, sind die tollen Menschen, die ich durch den Fußball kennenlernen durfte. Oft große Persönlichkeiten, manche davon sind heute meine besten Freundinnen. Das ist es, was den Sport ausmacht: Eine Trophäe alleine hochzuheben, macht irgendwie nicht so viel Spaß.

Nennen Sie ruhig Namen.

Bianca Schmidt, Almuth Schult, Mary Earps und nicht zuletzt Ella Masar, meine Partnerin fürs Leben. Das sind Menschen, die ich in meinem Leben nicht missen möchte - dafür bin ich unfassbar dankbar.

Sie waren bereits dabei, als Deutschland in China 2007 Weltmeister wurde.

Ich war noch sehr, sehr jung (19, Anm.), und wenn man so früh einen solchen Titel gewinnt, denkt man, es geht in der Karriere nur noch nach oben. In dem Moment kann man das vielleicht gar nicht so wertschätzen, weil man nur die Sonnenseite sieht.

Eine Schattenseite war sicher die EM 2017 in den Niederlanden.

Ja, dieses Turnier gehörte zu meinen größten sportlichen Enttäuschungen, weil ich eine starke Form und eine wichtige Rolle im Team hatte. Das war ein Rückschlag für die ganze Frauenfußball-Nation Deutschland. Einer von vielen Gründen war sicherlich die Unerfahrenheit des Trainerteams (Bundestrainerin Steffi Jones, Anm. d. Red.), aber auch wir Spielerinnen tragen eine große Verantwortung dafür. Wir hätten mit der ungewöhnlichen Situation der Spielabsage sicher professioneller umgehen müssen. Wir sind verdient gegen Dänemark im Viertelfinale ausgeschieden.

Was ist Ihnen von der WM 2011 geblieben?

Es mögen ja viele negativ an diese WM zurückdenken: Ich erinnere mich an viele positive Erfahrungen: das Eröffnungsspiel im ausverkauften Berliner Olympiastadion beispielsweise oder die Aufmerksamkeit über das gesamte Turnier. Darauf war vor elf Jahren niemand vorbereitet, und das hat sicher ein bisschen gelähmt. Vielleicht war der Frauenfußball dem damals noch nicht gewachsen.

Die Nationalspielerinnen der USA oder auch Norwegen haben in Auseinandersetzungen mit ihren Verbänden erreicht, dass Männern und Frauen die gleichen Prämien gezahlt werden. Fühlen Sie sich rückblickend für Ihre Leistungen unterbezahlt?

Man muss immer schauen, mit wem und was man sich hier vergleicht. Die Lücke zwischen Männern und Frauen ist unbestritten groß, aber unstrittig ist ja auch, dass das Interesse am Frauenfußball derzeit noch bei Weitem nicht an das Volumen im Männerfußball heranreicht. Ich bin sicher niemand, der sich aus dem Fenster lehnt, um nach gleicher Bezahlung zu rufen, aber der Frauenfußball ist auf einem guten Weg, muss aber in der Breite noch wachsen. Es hilft salopp gesagt nicht so viel, wenn zweimal beim FC Barcelona mehr als 90 000 Zuschauer sind, wenn woanders nicht wenigstens auch mal 20 000 oder 30 000 kommen. Denn die wöchentliche Realität in den Stadien sieht noch ganz anders aus.

Welchen Rat hätten Sie denn, wenn ein Frauen-Bundesligist oder der DFB Sie fragen würde?

Mut zu haben! Ich glaube, dass man mit vergleichsweise wenig Aufwand bei einem Frauen-Bundesligisten viel erschaffen kann. Ich bin mir sicher, dass es in den nächsten Jahren noch eine große Entwicklung geben kann, das Potenzial ist auf jeden Fall da. Einfach mehr wagen, das haben Lyon, Chelsea, Wolfsburg oder Barcelona nicht anders gemacht, die mit einem langen Vorlauf in den Frauenfußball investiert haben. Das zahlt sich jetzt aus. Mein Wunsch wäre es, dass ich in einigen Jahren daran auf Managementebene mitwirke und Frauenfußball aktiv mitgestalten kann.

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