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Überschäumende Freude: Max Verstappen feiert mit dem Red-Bull-Team seinen ersten WM-Titel, der ihn in den Niederlanden zum Volkshelden macht. Mercedes hat allerdings noch bis Donnerstag Zeit, Berufung gegen den abgeschmetterten Protest einzulegen.

Es bleibt ein Beigeschmack

Die Formel-1-WM ist entschieden - vielleicht. Mercedes erwägt weitere rechtliche Schritte nach der diskussionswürdigen Niederlage gegen Max Verstappen und Red Bull.

Die spannendste Saison der Formel-1-Geschichte will einfach kein Ende finden, auch nicht nach Max Verstappens »Wunder« in der Wüste. Der nächste irre Twist nach 22 Rennen voller Dramatik und einer WM-Entscheidung in der 1293. und allerletzten Runde des Jahres bahnt sich an. Am Donnerstag soll Verstappen bei der FIA-Gala in Paris seinen WM-Pokal in Empfang nehmen. Bis Donnerstag hat allerdings auch Mercedes Zeit, offiziell Berufung gegen den abgeschmetterten Protest von Abu Dhabi einzulegen - und damit die Zeremonie bis auf Weiteres zu verschieben.

Der Fall würde vor dem Schiedsgericht des Automobil-Weltverbandes landen. Die Folge wäre ein unschöner und womöglich langwieriger Prozess, vermutlich stünde der Weltmeister 2021 erst 2022 fest. »Wenn sie in Berufung gehen, gehen sie eben in Berufung«, sagte Verstappens Teamchef Christian Horner trotzig und kündigte an, den Titelfight notfalls auch auf juristischer Ebene erbittert fortzuführen.

Der Formel 1 droht damit ein unwürdiges Nachspiel, welches die unzähligen Glanzlichter auf den Rennstrecken überdecken würde. Der Schaden ist bereits jetzt immens. Und doch gibt es auch außerhalb des Mercedes-Lagers Verständnis für eine mögliche weitere »Ehrenrunde« am Grünen Tisch.

Hamilton spricht von Manipulation

»Natürlich fürs Fernsehen«, kritisierte McLaren-Pilot Lando Norris, habe FIA-Renndirektor Michael Masi am Sonntag seine Befugnisse bis tief in die Grauzone ausgereizt. »Man wollte einen Kampf sehen«, so Norris. Und hat ihn bekommen. »Wir brauchen ein Wunder«, flehte Red-Bull-Teamchef Horner zehn Runden vor Rennende bei Sky UK. Williams-Pilot Nicholas Latifi machte es mit seinem Unfall fünf Umläufe vor Rennende möglich - Safety Car. Verstappen war auf einmal direkt hinter Lewis Hamilton, der bis dahin wie der sichere Sieger und Weltmeister aussah. Das Polster des Mercedes-Stars schmolz von gut zehn Sekunden auf null. Hamiltons Reifen waren am Ende, Verstappen hatte mit nagelneuen Pneus beim Restart leichtes Spiel, holte sich den Sieg und behauptete damit den ersten Platz in der WM.

Es waren diese Momente, in denen bei Dauersieger Mercedes ein Gedanke heranreifte, der alles weitere erklärte: Das ist nicht fair. Hamilton sprach in der Emotion im Funk von »Manipulation«, gratulierte Verstappen aber anschließend. Motorsportchef Toto Wolff tigerte durch die Garage, schlug die Hände vors Gesicht, griff zu seinem Headset und schrie Masi an: »Nein, Michael, nein, nein, nein. Das ist so nicht in Ordnung.«

War es tatsächlich nicht. Der Australier Masi hatte vor der Freigabe der Schlussphase nur die überrundeten Fahrer zwischen Hamilton und Verstappen vorbeifahren lassen, aber nicht die hinter dem Red-Bull-Piloten platzierten Kollegen. Vor allem aber: Eigentlich muss das Feld nach diesem Entscheid noch eine volle Runde hinter dem Safety Car zurücklegen. In Abu Dhabi hätten die Fahrer so bis zum Zielstrich keine Überholchance mehr gehabt. Keine Jagd auf der letzten Runde, kein Drama, achter Titel für Hamilton statt erster für Verstappen.

Inkosequenter Rennleiter

Die Stewards, die den Mercedes-Protest bis viereinhalb Stunden nach Rennende prüften, sahen Artikel 48.12 tatsächlich als verletzt an - sie änderten aber das Rennergebnis nicht. Ihre Auffassung: Andere Artikel im Regelbuch gaben Masi das Recht, so zu handeln. Mercedes akzeptierte das nicht. Der nun achtmalige Konstrukteurs-Weltmeister war der Meinung, Hamilton hätte das Rennen unter fairen Bedingungen gewonnen.

Mercedes hüllt sich seitdem öffentlich in Schweigen. Hamilton blieb der obligatorischen Pressekonferenz und den TV-Interviews fern, er verließ den Yas Marina Circuit kurz vor Mitternacht wortlos. Der sonst sehr auskunftsfreudige Wolff schwieg ebenfalls, Mercedes kommunizierte das Allernötigste über knappe Statements.

Dass die Situation so verworren ist und es wohl keine Lösung ohne Beigeschmack mehr geben wird, geht letztlich auch auf die Kappe von Masi, der im Saisonverlauf immer wieder inkonsequent war in seinen Entscheidungen.

Den Schaden trägt die Formel 1. Am Ende der besten Saison der Geschichte gibt es zu viele Verlierer. Das Problem: Auch wenn Mercedes vielleicht im Recht ist, dürfte das Beharren darauf noch mehr Schaden anrichten.

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