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Flicks Trennungsschmerz

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Wohin führt der Weg Hansi Flick? Nach dem Aus für seinen Vertrauten Oliver Bierhoff (r.) beim DFB ist unklar, ob der Bundestrainer weitermacht. © IMAGO

Oliver Bierhoff ist weg. Das Aus für den DFB-Direktor frustriert Hansi Flick. Als Bundestrainer will er nicht mehr bedingungslos weitermachen. Welche Rolle spielt dabei Matthias Sammer?

Der Trennungsschmerz ist riesig für Hansi Flick - und er könnte schnell gravierende Konsequenzen haben. Das Aus von Oliver Bierhoff als DFB-Direktor kann der Bundestrainer trotz des WM-Debakels in Katar nicht verstehen. Plötzlich sind auch seine Pläne für eine Trotzreaktion Richtung Heim-EM 2024 fraglich, ist ein »Weiter so« als Bundestrainer kein Automatismus. Während der Name Matthias Sammer als neuer starker Mann für eine bessere Zukunft der Fußball-Nationalmannschaft immer mehr in den DFB-Fokus rückt, trauert Flick noch der für ihn perfekten Zusammenarbeit mit Bierhoff nach.

»Meinem Trainerteam und mir fällt im Moment die Vorstellung schwer, wie die durch Olivers Ausscheiden entstehende Lücke fachlich und menschlich geschlossen werden kann«, schrieb Flick am Morgen nach dem Ende der Bierhoff-Ära in einem sehr persönlich gehalten Statement auf der Verbands-Homepage. Jeden Kandidaten für eine Nachfolge auf dem vakanten Direktoren-Posten will Flick nicht akzeptieren. So groß sein Wunsch auf eine zweite Chance als Bundestrainer auch sein mag. Bierhoff bleibt für ihn die Relevanzgröße.

Sammer, Lothar Matthäus, ein Ex-Weltmeister von 2014 wie Bastian Schweinsteiger oder Sami Khedira oder eine Bundesliga-Lösung wie Fredi Bobic, der bei Hertha BSC nicht glücklich wird - diskutiert wird schon heftig. Flick will aber mitreden können. Das ist vor dem für diesen Mittwoch anberaumten Krisengespräch mit DFB-Präsident Bernd Neuendorf und DFL-Aufsichtsratschef Hans-Joachim Watzke, der mit seiner BVB-Connection zum Königsmacher für den Dortmund-Berater Sammer werden könnte, eindeutig.

Flick bewegt sich nach dem WM-Scheitern aber noch in der Vergangenheit. Das wurde in seiner ersten schriftlichen Reaktion auf der Verbandsseite klar. Vier Absätze, die verdeutlichen, wie wichtig Bierhoff für ihn als Vorgesetzter und Vertrauter war. Vier Absätze, die klarmachen, dass mit der Trennung vom Geschäftsführer als markantem Gesicht des WM-Scheiterns weder alle Fragen noch alle Probleme für die DFB-Spitze gelöst sind.

Watzke als Strippenzieher

Während die Stagnation der Nationalmannschaft weit entfernt von der Fußball-Weltelite durch das verzückende Aufspielen der Teams aus Brasilien, England oder Frankreich in Katar offenkundig wird, sitzt Flick nach der frühen Heimreise daheim in Bammental und macht sich seine Gedanken. Er schien dabei am Tag des dereinst möglichen Achtelfinales gegen Marokko noch in seinem eigenen sportlichen Tunnel zu stecken, der sich auf dramatische Weise als Sackgasse entpuppte.

Beim Analyse-Gipfel wird der Bundestrainer die Gründe für das nächste WM-Scheitern und die Perspektive für das Heim-Turnier in 18 Monaten ganz allein erklären müssen. Bierhoff sitzt nicht mehr an seiner Seite. DFB-Boss Neuendorf hatte unmittelbar nach dem blamablen Vorrundenaus diese Sitzung einberufen. Wenn »die Analyse beendet ist«, hatte Neuendorf betont, wolle man »auch mit einem Ergebnis« an die Öffentlichkeit gehen. Jetzt kam das Bierhoff-Aus schon vor der inhaltlichen WM-Aufarbeitung. Das gibt Flick zu denken.

»Oliver Bierhoff hat sich in 18 Jahren seiner Tätigkeit erhebliche Verdienste um den deutschen Fußball erworben«, äußerte Watzke, in Personalunion DFB-Vizepräsident und Geschäftsführer von Borussia Dortmund: »Dafür gebührt ihm Respekt, Anerkennung und Dank!« Ehrliche Worte?

Watzke ist schnell in die Rolle des Strippenziehers geschlüpft. Neuendorf, nach neun Monaten im höchsten DFB-Amt plötzlich mit einer maximalen Krise betraut, hat ihn als Insider der Profi-Szene schnell ins Boot geholt.

Flick muss offenbar gehörig aufpassen, dass er nicht zum Spielball der Interessen wird. Auch Bierhoff bekam wohl ein vergiftetes Angebot. Er sollte die von ihm konzipierte Akademie weiter verwalten, von der Nationalmannschaft als Glanzstück aber abgezogen werden. So berichtete auch die ARD-»Sportschau« über die Krisenkommunikation nach der Rückkehr aus Katar. Diese Kröte wollte Bierhoff nicht schlucken. Wie positioniert sich also Flick?

Politikum braut sich zusammen

»Unsere Zusammenarbeit war immer von Loyalität, Teamgeist, Vertrauen und Zuverlässigkeit geprägt. Zusammenhalt war die DNA unseres Teams«, sagte Flick über sein Wirken an der Seite Bierhoffs. »Für mich persönlich war Oliver innerhalb des Teams mein erster Ansprechpartner und Freund. Wir hatten als gemeinsames Ziel das Projekt EM 2024 in Deutschland«, erklärte der Bundestrainer.

Ginge das auch mit Sammer? Oder mit Bobic? Zweifel sind berechtigt. Flicks Handeln unterliegt derweil einem Muster. Er brauchte bei seiner Titeljagd mit dem FC Bayern München, von deren Glanz er heute noch zehrt, eine vertrauensvolle Atmosphäre. Flick will keinen Schnellschuss, neigt aber auch zu Übersprungshandlungen. Als die Grundlage mit Sportvorstand Hasan Salihamidzic bei Bayern nicht mehr existierte, ging er, verkündete seinen Abschied schon mit dem Faustpfand des Bundestrainer-Jobs in der Hinterhand nach dem Meisterstück 2021 als Alleingang in der Spielerkabine. Auch seine Jobs in Hoffenheim oder als DFB-Sportdirektor beendete er Knall auf Fall.

Karl-Heinz Rummenigge war in München Flicks Vertrauensperson. Könnte der ehemalige Bayern-Boss nun eine DFB-Rolle einnehmen? Als starke Übergangsperson bis 2024, wenn dann EM-Organisator und DFB-Ehrenspielführer Philipp Lahm für neue Aufgaben verfügbar ist? Oder wäre ARD-Experte Schweinsteiger als weiterer Rio-Held eine Alternative? Gut möglich, dass Flick die alte Bayern-Nähe als Gegenpol zu Watzkes Dortmund-Connection sucht. Es braut sich gerade ein großes Fußball-Politikum zusammen.

Sammer, der früher beim DFB als Sportdirektor tätig war, hatte sich in einer ersten Reaktion noch kryptisch zu seinen Ambitionen geäußert. Verantwortung immer, aber ein großer Posten eher nicht, war die Lesart. Mittlerweile soll er laut ARD-»Sportschau« bereit sein, zum DFB zurückzukehren - aber nicht auf seine frühere Position, sondern eher in beratender Funktion.

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