1. Startseite
  2. Sport
  3. Sportmix

Für die mentale Beschaffenheit

Erstellt: Aktualisiert:

imago1009591394h_070222_4c
Der sitzt: Frankfurts Doppeltorschütze Ajdin Hrustic (rotes Trikot) erzielt die 2:1-Führung. © IMAGO

Der erste Sieg nach drei Spielen mit einer Ausbeute von nur einem Punkt: Die Frankfurter Eintracht landet beim 3:2 in Stuttgart einen Erfolg auch für die Psyche. Allerdings ist dieser mit der Verletzung von Hasebe teuer erkauft.

Der japanische Großmeister Makoto Hasebe, das ist nun fürwahr kein Geheimnis, ist ein Vorzeigesportler mit tadelloser Berufseinstellung. Täglich nimmt der 38 Jahre alte Eintracht-Routinier ein Vollbad und bibbert in der Eiskammer, er schwört auf japanische Küche, schläft viel, trinkt viel, aber keinen Alkohol, natürlich nicht. Hasebe ist ein asketischer Ausnahmeathlet. Doch am Samstag in Bad Cannstatt ging sogar der alte Hase in die Knie - weil er unliebsame Bekanntschaft mit dem Knie seines eigenen Torwächters machte. Kevin Trapp knockte seinen Mitspieler im wahrsten Sinne des Wortes aus. Und der fand sich alsbald im Krankenhaus wieder.

Nach 84 Minuten stürmte Eintracht-Keeper Trapp aus seinem Kasten heraus, es galt schließlich, eine 3:2-Führung im Auswärtsspiel beim VfB Stuttgart mit Zähnen und Klauen zu verteidigen, und da ist es ganz hilfreich, wenn ein Schlussmann auch die häufiger werdenden Flanken des Kontrahenten (Stichwort Brechstange) abfängt. Und so sprang der 31-Jährige einer Hereingabe so entgegen, wie es Torhüter nun mal tun: mit angezogenem Knie. Blöd für Hasebe, dass er in einem doppelten Sandwich feststeckte, zwischen Trapp auf der einen Seite und VfB-Stürmer Sasa Kalajdzic sowie Eintracht-Verteidiger Evan Ndicka auf der anderen. Da gab es kein Entrinnen, Trapps Knie bohrte sich förmlich in den Brustkorb des Liberos, der sich von Schmerzen gepeinigt am Boden krümmte, nach eingehender Behandlung ausgetauscht wurde und dann mit dem Verdacht auf einen Rippenbruch in eine Stuttgarter Klinik eingeliefert wurde, wo er auch die Nacht verbrachte.

Wie schwerwiegend die Verletzung überhaupt ist, stand zunächst nicht fest. Am Sonntagabend meldete die Eintracht, dass sich Hasebe eine Brustkorbverletzung zugezogen habe. Damit ist schwer vorstellbar, dass er schnell wieder wird spielen können. »Er wird wohl eine Zeit lang fehlen«, sagte Trainer Oliver Glasner.

So hat die Eintracht also ihren ersten Sieg im neuen Jahr verdammt teuer bezahlt. Doch klar ist natürlich auch: Verletzungen jedweder Art sind eingepreist und gehören in diesem Metier einfach dazu.

Für die Eintracht war der 3:2 (1:1)-Erfolg bei den schwächelnden Schwaben dessen ungeachtet ein enorm wichtiger, vielleicht kein Befreiungsschlag, dazu war die Situation in toto nicht verfahren genug, aber doch ein Dreier mit Signalwirkung nach innen und außen. Wie viel Druck auf dem Kessel lag, verdeutlicht auch die Wortwahl des Cheftrainers, der über den ersten vollständigen Punktgewinn nach drei sieglosen Spielen mit nur einem eigenen Zähler gleich mal »wahnsinnig froh« war.

Der arg umkämpfte, aber letztlich verdiente Erfolg war allein tabellarisch schon von überragender Bedeutung. Er eröffnet der Eintracht nämlich wieder internationale Perspektiven. Zwar haben sich die Hessen im Klassement nicht verbessern können und rangieren weiterhin auf Platz neun, doch das Feld ist sehr viel dichter zusammengerückt. Durch die Niederlagen von Union Berlin, SC Freiburg, RB Leipzig und der TSG Hoffenheim beträgt der Rückstand der Eintracht auf den ersten Champions-League-Rang nur noch drei Pünktchen.

Für die Eintracht war der erste Sieg in 2022 aber nicht nur tabellarisch, sondern auch für die mentale Beschaffenheit Gold wert. Er ist gut fürs Selbstvertrauen, den Glauben in die eigene Stärke und das eigene Tun, es ist eine Bestätigung, doch auf dem rechten Pfad zu sein. Die Eintracht hat nun einen Punkt mehr ergattert als zum vergleichbaren Zeitpunkt der Hinrunde.

Für den Trainer war der Gesamtauftritt entscheidend. »Wir hatten vorher besprochen, dass wir eine großartige Teamleistung brauchen, um den Bock umzustoßen«, sagte Glasner, nachdem der Bock gefallen war. In der Tat: Vielleicht ist die größte Erkenntnis dieses Auswärtssieges beim harmlosen VfB, dass die Mannschaft bereit ist, sich gegen Widerstände aufzulehnen, sie den Charakter und die Mentalität hat, sich trotz Qualitätverlusts zu behaupten und den Erfolg im Notfall auch zu erzwingen.

Denn natürlich stand da in Stuttgart nicht die bestmögliche Elf auf dem Platz, zwei der Stärksten, Filip Kostic und Daichi Kamada, fielen aus, weshalb der Trainer eine veränderte Grundordnung wählte und drei zentrale Mittelfeldspieler aufbot, die eher defensiv ausgerichtet sind. Nominell standen nur zwei reine Offensivkräfte auf dem Feld, Rafael Borré und Jesper Lindström. Und doch schaffte es die Eintracht, dem VfB mit ihrer Galligkeit und ihrem Pressing den Schneid abzukaufen. Und sie ließ sich auch durch den zweimaligen VfB-Ausgleich durch Waldemar Anton (42.) und Sasa Kalajdzic (70.) nicht aus der Bahn werfen. Weil neben Evan Ndicka (7.) eben auch Ajdin Hrustic traf, gleich doppelt sogar (47./77). Auch das ein Indiz, dass die Mannschaft als Einheit funktioniert: Der Australier hat in dieser Saison noch keine große Rolle gespielt. Bis zu jenem Samstag in Bad Cannstatt.

imago1009598904h_070222_4c
Tragischer Moment: Kevin Trapp (l.) rettet vor Sasa Kalajdzic (r.) und trifft mit dem Knie Mitspieler Makoto Hasebe. © IMAGO

Auch interessant