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Fußball-Weltverband zögert noch

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Schnelle Reaktion: Die Formel 1 hat ihren WM-Lauf am 25. September im russischen Sotschi abgesagt. © IMAGO

(sid). Mit versteinerter Miene schauten Witali und Wladimir Klitschko in die Kamera, der bewegende Appell der beiden früheren Boxweltmeister geht durch Mark und Bein. »Dieser sinnlose Krieg wird keinen einzigen Sieger hervorbringen, aber Verlierer«, sagt Wladimir Klitschko in einer 43-sekündigen Videobotschaft und fordert den Westen im Zuge des russischen Großangriffs zum Handeln auf:

»Lasst es nicht in der Ukraine passieren, nicht in Europa oder vielleicht der Welt. Zusammen sind wir stark.«

Nach der Verlegung des Champions-League-Endspiels von St. Petersburg nach Paris wollen am Wochenende auch deutsche Verbände und Klubs Zeichen des Protests und für den Frieden setzen. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) empfahl den Vereinen der 1. und 2. Bundesliga für alle Spiele eine Schweigeminute. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) legte seinen sportartübergreifend 90 000 Vereinen im Rahmen ihrer Wettkämpfe 60 Sekunden des stillen Gedenkens nahe.

Während die Spitzenverbände im Fußball sich aber mit konsequenten Sanktionen gegen Russland weiter schwertun, lassen die Klitschko-Brüder an ihrer Entschlossenheit keinen Zweifel. Witali Klitschko, seit acht Jahren Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt Kiew, ist zu allem bereit. Im Krieg um seine ukrainische Heimat würde er auch selbst zu den Waffen greifen. »Ich habe keine andere Wahl. Ich muss das tun«, sagte der einstige Schwergewichtschampion bei »Good Morning Britain« im englischen Frühstücksfernsehen.

Größter gemeinsamer Nenner in der Sportwelt ist derzeit die Absage von Veranstaltungen auf russischem Boden - wie die erwartete Verlegung des Königsklassen-Finals aus Wladimir Putins Geburtsstadt. Zudem cancelte die Formel 1 am Freitag das für den 25. September geplante Rennen in Sotschi, der Internationale Ski-Verband FIS sagte alle in dieser Saison noch geplanten Weltcups in Russland ab.

Spannend wird sein, wie sich RB Leipzig positioniert. Das Team von Trainer Domenico Tedesco bekam in der Europa League am Freitag Spartak Moskau zugelost - ein Boykott des Spiels wäre in der momentanen Gemengelage wohl das stärkste sendbare Signal. Ein Beispiel dafür lieferten die Basketballer von Bayern München, die am Donnerstagabend nicht zum Europacup-Spiel gegen ZSKA Moskau antreten wollten - obwohl sich beide Teams in der Münchner Halle bereits aufwärmten.

Auf ein konsequentes Handeln seitens der großen Sportorganisationen wartete man dagegen vergebens. Auf der mit Spannung erwarteten UEFA-Sitzung am Freitagvormittag mochte man sich weder zu einem Rauswurf der russischen Mannschaften aus den Europacup-Wettbewerben noch zu einer Abfuhr für Hauptsponsor Gazprom durchringen.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB), der 2024 bekanntlich die Europameisterschaft ausrichtet, zeigte Verständnis für den Aufschub der UEFA-Entscheidung bezüglich des umstrittenen Sponsoringvertrags mit dem russischen Energieriesen. »Die UEFA-Exekutive arbeitet äußerst intensiv und Schritt für Schritt alle sich ergebenden Fragestellungen ab«, teilte der DFB auf SID-Anfrage mit: »Aktuell stehen insbesondere humanitäre Fragen, wie die Solidarität mit den Menschen, insbesondere aus der Fußballfamilie im Kriegsgebiet, und mögliche Hilfsmaßnahmen für die betroffenen Menschen im Vordergrund.«

Mit ihrer inkonsequenten Vorgehensweise steht die UEFA beileibe nicht alleine da. So beließ es der Fußball-Weltverband FIFA nach einer Council-Sitzung bei einer Zustandsbeschreibung für die Situation in der Ukraine - die Lage sei »tragisch« und »besorgniserregend« - auf sportpolitische Konsequenzen verzichteten die Bosse um FIFA-Präsident Gianni Infantino aber.

Man spielt stattdessen auf Zeit. Mit Blick auf die bald anstehenden WM-Playoffs in Russland wolle die FIFA »die Situation weiter beobachten. Wir werden eine Entscheidung treffen, sobald dies notwendig ist.« Kurz vorher hatten die Nationalverbände aus Polen, Schweden und Tschechien verlangt, in den WM-Ausscheidungsspielen nicht in Russland antreten zu müssen.

Wladimir Klitschko betonte in einem NTV-Interview unterdessen, dass es »ohne Unterstützung und einen gewissen Druck auf Russland« nicht geht. Man müsse gemeinsam agieren, um den Krieg zu stoppen, so der jüngere der beiden Brüder: »Dieser Krieg ist in der Ukraine. Dieser Krieg wird auch weitergehen in das weitere Europa, wenn man ihn nicht aufhält. Ich möchte nicht ausschließen in die Welt.«

Die Formel 1 ließ unterdessen zunächst offen, ob das Rennen in Sotschi durch einen Grand Prix in einem anderen Land ersetzt werden soll. Die Königsklasse plante für 2022 mit 23 Rennen, so viele wie noch nie. Seit 2014 fährt die Formel 1 in Sotschi, der russische Präsident Putin hat sich stets sehr für den Großen Preis auf dem Gelände des Olympiaparks an der Schwarzmeerküste eingesetzt. Ab dem nächsten Jahr soll die Königsklasse gemäß Vertrag vor den Toren der Millionenmetropole St. Petersburg fahren. Der viermalige Weltmeister Sebastian Vettel hatte am Donnerstag bereits erklärt, angesichts der russischen Invasion im Falle eines stattfindenden Rennens nicht in Sotschi an den Start zu gehen.

Bei den Fahrern stieß die Absage am Freitag auf breite Zustimmung. »Ich hätte es schwierig gefunden, in ein Flugzeug zu steigen und in einem Land zu fahren, das sich gerade im Krieg befindet«, sagte Ferrari-Pilot Carlos Sainz bei einer Pressekonferenz. Der von Mercedes zu Alfa Romeo gewechselte Valtteri Bottas erklärte: »Man kann nicht vorhersehen, was in ein paar Monaten sein wird. Das ist zweifellos die richtige Entscheidung.«

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