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Jahr der Trauer

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Handball-Bundestrainer Alfred Gislason hatte in diesem Jahr auch persönliche Schicksalsschläge zu verarbeiten. © IMAGO

(sid). Was er sich für 2022 wünscht? Alfred Gislason holt tief Luft. »Sportlich wünsche ich mir, dass wir bei der EM ein positiv-aufregendes Turnier spielen. Das ist das eine«, sagt der Handball-Bundestrainer. Dann macht Gislason eine kleine Pause - und er ergänzt: »Persönlich wünsche ich mir ein deutlich schöneres 2022 als 2021.«

Wenn Gislason im Interview auf das auslaufende Kalenderjahr zurückblickt, spricht er mit klarer, ruhiger Stimme. Man ahnt, wie viel Schmerz der Isländer er- und durchlebt hat. Doch zu spüren ist auch die unglaubliche Energie, die ihm der Handball bei der Trauerbewältigung gibt.

»Ich bin jetzt 62 Jahre alt. Die Arbeit mit jungen Menschen, die Gas geben wollen und die mit Begeisterung dabei sind - die gibt mir sehr, sehr viel«, so Gislason: »Ich sage nicht, dass die Mannschaft mich am Leben hält, aber sie bereichert extrem.«

Gislason, der die deutschen Handballer ab dem kommenden Wochenende auf die EM in der Slowakei und Ungarn im Januar vorbereitet, hat 2021 seine ersten beiden Turniere als Bundestrainer absolviert - klar. Doch vor allem war es ein enorm bewegendes und trauriges Jahr für ihn. Da war der ausländerfeindlich motivierte Drohbrief gegen ihn im Frühjahr. Und vor allem der tragische Tod seiner geliebten Ehefrau Kara nach kurzer und heftiger Krankheit.

»Den Drohbrief hatte ich schnell abgehakt«, sagt Gislason. Schön sei das »unglaubliche Echo«, die Welle der Solidarität, »die aus allen Richtungen kam«, für ihn gewesen. »Aber das mit meiner Frau ist eine Sache, die ich nie ganz verarbeiten werde.«

Gislason, der mehr als 40 Jahre verheiratet war und seine Frau schon mit 15 kennengelernt hatte, war vor den Olympischen Spielen in Tokio drauf und dran hinzuschmeißen. Doch seine Frau wollte »unbedingt, dass ich weitermache mit dem Handball«. Gislason befolgte ihren Rat - und sagt heute: »Es war sehr schön, in dieser Phase den Handball zu haben.«

Die Weihnachtstage verbrachte der Familienmensch Gislason im Kreise seiner Liebsten in seiner Heimat. Mit den Eltern, mit den Kindern und den Enkeln tankte er in Island Kraft für die kommenden Aufgaben. Kraft für das bevorstehende Turnier. Sein drittes als DHB-Coach.

Aus seiner Enttäuschung über die ersten beiden Turniere seiner Amtszeit macht Gislason, der kurz vor dem Fest seinen Vertrag beim Deutschen Handball-Bund bis 2024 verlängerte, keinen Hehl. Nach diversen Absagen von Stammspielern sprang bei der Weltmeisterschaft zu Jahresbeginn in Ägypten Platz zwölf heraus, in Tokio im Sommer war im olympischen Viertelfinale Schluss. »Ich bin alles andere als zufrieden«, sagt Gislason, »unterm Strich waren die Ergebnisse enttäuschend«.

Auch beim dritten Turnier unter dem langjährigen Meistertrainer des THW Kiel dürften die Bäume in Abwesenheit zahlreicher Stars nicht in den Himmel wachsen. Gislason weiß das - er sprüht dennoch vor Tatendrang. »Ich bin mir sicher«, sagte er anlässlich seiner Vertragsverlängerung am Tag vor Heiligabend, »dass uns die weitere Entwicklung der sehr jungen und noch unerfahrenen Mannschaft viel Freude machen wird«. Gislasons Freude ist deutlich zu spüren.

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