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Sehnsucht nach Frieden

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In ihrer Heimat Mariuopol ist nichts mehr, wie es war: Kyrylo Melitschenko mit seiner Freundin Anja. © DPA

Ein junger Fußballer fährt ins Trainingslager. Vier Wochen später ist nichts mehr, wie es war. Der Krieg in der Ukraine nimmt ihm sein Zuhause, seine Heimat. Bei Dynamo Dresden findet Kyrylo Melitschenko Hilfe und ist durch Training täglich etwas abgelenkt. Vergessen kann er nichts.

Kyrylo Melitschenko hat sein Lachen verloren. Der Fußballer des ukrainischen Erstligisten FK Mariupol spricht leise über die vergangenen drei Monate. Und er spricht nicht über Fußball, sondern über sein Zuhause in der Ukraine. Ein Zuhause, dass er seit über zwei Monaten nicht mehr gesehen hat. Ein Zuhause, dass es so nicht mehr gibt. Der Krieg hat aus dem einst schönen Mariupol eine Ruinenstadt gemacht. Seither ist der Fußballer ein Vertriebener. An eine Rückkehr nach Hause ist in absehbarer Zeit nicht zu denken.

Das leise, zaghafte »Hallo« ist das einzige deutsche Wort, dass Melitschenko über die Lippen kommt. Dann übersetzt seine Freundin Anja. »Er kann die Sprache noch nicht so gut sprechen. Aber wir üben jeden Tag«, sagt sie halb entschuldigend. Seine eigentliche Sprache sei der Fußball, denn den würde man überall verstehen. Eigentlich spielt Kyrylo Melitschenko Rechtsverteidiger beim FK Mariupol. Wie für Dynamo Dresden, dass dem talentierten Mann gegenwärtig eine Trainingsmöglichkeit gibt, geht es auch für die Mannschaft aus der Ostukraine um den Klassenverbleib. Viel mehr Gemeinsamkeiten gibt es zwischen beiden Vereinen nicht. Aber darum geht es dieser Tage nicht.

Während er mit ruhiger Stimme spricht, ist Freundin Anja mehrmals den Tränen nahe. »Mariupol war eine so schöne Stadt«, sagt sie. Das Vereinsgelände des ukrainischen Erstligisten sowie seine Wohnung in einem Mietshaus der ostukrainischen Stadt mit all ihren persönlichen Habseligkeiten seien völlig zerstört. Die Eltern des Paares sind mittlerweile aus den Kellern der Hauptstadt Kiew in den Westen des Landes geflohen. »Da die Väter das Land nicht verlassen dürfen, wollen auch die Mütter nicht gehen«, erzählt Melitschenko.

Ein Russe hilft in Sachsen

Er selbst hatte am 20. Januar letztmalig ukrainischen Boden unter den Füßen. Von da aus ging es ins Trainingslager in der Türkei. Am 24. Februar saß das Team auf dem Flughafen, bereit zur Rückreise. »Doch da war der Luftraum in der Ukraine bereits gesperrt. Wir sind dann wieder zurück ins Hotel gefahren«, erzählt der 22-Jährige über den Tag des Kriegsbeginns. Der Klub teilte den Spielern dann mit, dass sie sich Vereine suchen sollen, bei denen sie sich fit halten können. Freundin Anja, die nach einem einjährigen Praktikum in Potsdam über sehr gute Deutschkenntnisse verfügt, schrieb mehrere Vereine in Deutschland an und bat um Hilfe. »Innerhalb von zwei Stunden hatten wir eine Rückmeldung von Dynamo, zwei Tage später waren wir in Dresden«, berichtet Melitschenko.

Seit rund zwei Wochen trainiert der junge Ukrainer nun in Dresden und wird weitgehend vom Verein versorgt. Aus der Mannschaft hilft ihm ausgerechnet der Russe Anton Mitrjuschkin am meisten. »Ich habe viel Kontakt mit Anton, er hilft mir sehr. Er kennt die Wahrheit über diesen Krieg, wir reden aber nicht viel darüber. Politik ist immer noch Politik«, sagt Melitschenko.

Am vorigen Freitag war er bei der 1:2-Niederlage gegen den FC Schalke 04 zum ersten Mal im Rudolf-Harbig-Stadion. »Es ist ein unglaubliches Stadion, unglaubliche Fans. So etwas habe ich noch nie erlebt, auch wenn ich nur als Zuschauer da war«, erzählt er. Über seine Lippen huscht dabei das erste Lächeln an diesem Tag. Selbst für die Schwarz-Gelben spielen darf Melitschenko in dieser Saison außer im Training und in Testspielen nicht. Der DFB verbietet dies mit Verweis auf die sportliche Integrität des Wettbewerbes. Dynamos Co-Trainer Heiko Scholz zeigt sich dennoch zufrieden mit den Trainingsleistungen des Neulings: »Man sieht, dass er bei uns mithalten kann. Das ist ein guter Junge.« Melitschenko selbst meint, dass er »gern bleiben würde, wenn es möglich wäre«.

Der Fußballer, der wegen seines Logistik-Studiums keinen Armeedienst antreten musste, wünscht sich nichts mehr als baldigen Frieden. »Alles andere ist nicht wichtig. Es soll endlich vorbei sein, damit wir wieder nach Hause können«, betont Melitschenko. Voller Dankbarkeit und Demut sagt der Fußballer noch: »Danke, Deutschland.«

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