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Viele Baustellen in der Offensive

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Heimniederlage zwischen den beiden Festspielen im Europapokal: Freiburgs Vicenzo Grifo (l.) trifft zum 1:0 (Endstand 2:1), Frankfurts Torwart Kevin Trapp und Martin Hinteregger sind geschlagen. Am Donnerstag in Barcelona muss eine Leistungssteigerung her, sonst droht das Aus in der Europa League. © DPA

(kil). Fast hätte man meinen können, der kleine SC Freiburg habe den, sagen wir, großen FC Barcelona in die Knie gezwungen, mit reichlich Dusel, okay, aber sei’s drum - geschenkt. Trainer Christian Streich kam aus den Schwärmereien ob des tollen Gegners kaum mehr heraus. »Sie haben sehr viel Tempo und Power, einfach eine außergewöhnlich gute Mannschaft.

Hut ab«, flötete das Bundesliga-Urgestein. Und weiter: »Es ist sehr schwer, hier zu gewinnen, jetzt haben wir es mal wieder geschafft. Das ist nicht alltäglich.«

Und dann treibt ja da noch dieser Linksaußen sein Unwesen, dieser Filip Kostic. »Sehr hohe Qualität, enormes Tempo, viel Power, obwohl er erst vor zweieinhalb Tagen noch gespielt hat.« Dieser Modellathlet sei kaum zu halten, könne sogar »jederzeit um den Fuß herum flanken«, was auch immer das genau zu bedeuten hat.

Neben Streich saß nicht etwa Xavi, der Trainer des FC Barcelona, sondern Oliver Glasner, der Coach der Frankfurter Eintracht, jener so ausschweifend belobigte Kontrahent, der am Sonntag allerdings das Nachsehen hatte gegen Streichs Freiburger, 1:2 im eigenen Stadion, schon die insgesamt sechste Heimniederlage. Mit jedem Wort des Kollegen aus dem Breisgau wurde Oliver Glasner etwas größer und die Niederlage etwas kleiner. »Ich freue mich riesig, wenn Christian den Jungs solche Komplimente ausspricht«, sagte der 47-Jährige. »Das werde ich ihnen auch weitergeben.«

Er, der Cheftrainer, geißelte sich selbst, weil »ich hier sitze und so niedergeschlagen bin. Das ärgert mich brutal, denn es war ein guter Auftritt der Jungs, sie haben sich keine negativen Gedanken verdient«. Das war dann alles in allem vielleicht etwas zu viel des Guten, zu viel Harmonie und zu viel Schöngemaltes.

Natürlich hätte Eintracht Frankfurt diese Bundesligapartie, eingebettet zwischen den beiden Festspielen im Europapokal gegen den FC Barcelona, nicht verlieren müssen, die Pleite war gleichermaßen unnötig wie unverdient. Die Hessen hätten sich mindestens einen Punkt verdient gehabt, doch entweder hatte der Pfosten etwas dagegen oder aber das Regelbuch, denn auch ein paar Zentimeter im Abseits ist eben Abseits. »Diese Niederlage wird uns nicht umwerfen«, sagt Glasner trotzig.

Und doch war diese Schlappe bezeichnend, ein Spiegelbild der gesamten Saison. Es ist bemerkenswert, welchen Aufwand die Mannschaft betreibt, sie ist fleißig, willig, kämpft und macht und tut, selbst am Sonntag, nicht mal drei Tage nach dem Kraftakt gegen Barca, spulte sie wieder mehr als 120 Kilometer ab (121,4) und zog mehr Sprints als die ausgeruhten Freiburger an (231:215). Doch es springt zu wenig Zählbares dabei heraus. Aufwand und Ertrag stehen in keinem Verhältnis. »Wir brauchen viele Chancen, um ein Tor zu machen«, räumt Sportvorstand Markus Krösche ein. »Das zieht sich durch die gesamte Saison.« Die Eintracht muss sich vor allem richtig quälen und eine Menge investieren, um überhaupt zu Torchancen zu kommen.

Eine spielerische Weiterentwicklung ist nicht zu erkennen, das Angriffsspiel bleibt statisch und ausrechenbar, ein richtiger Stürmer mit Knipserqualitäten fehlt. Das müssen sich die Verantwortlichen ankreiden lassen, zumal klar war, dass Toptorjäger André Silva die Eintracht verlassen würde. Stammstürmer Rafael Borré ist bei allem Engagement kein Goalgetter, Goncalo Paciencia ist phlegmatisch und genügt den Ansprüchen nicht, und in Sam Lammers hat die sportliche Führung einfach aufs falsche Pferd gesetzt, der Bursche ist sportlich verbrannt. In der Spitze ist das Niveau nicht tief genug.

Da verbietet es sich eigentlich, weiterhin von europäischen Ambitionen zu schwadronieren. Der Europa-League-Rang (Freiburg, 48 Punkte) ist neun Zähler weit weg und also in unerreichbare Ferne gerückt, selbst der Rückstand auf einen Conference-League-Startplatz beträgt fünf Punkte. Das ließe sich sogar aufholen, doch dazu müsste die Mannschaft halt mal eine Serie starten - doch weshalb sollte das ausgerechnet jetzt im Saisonfinale gelingen?

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