1. Startseite
  2. Sport
  3. Sportmix

Vom Wickeltisch auf die EM-Bühne

Erstellt: Aktualisiert:

_1SPOHSPORT201-B_183429_4c
Zurück in der DHB-Auswahl: Johannes Bitter. © DPA

(sid). Johannes Bitter war fix und fertig. »Das muss ich alles erst einmal verdauen«, sagte der Torhüter nach seinem furiosen Blitz-Comeback gegen Polen (30:23) und den verrücktesten 24 Stunden, die er in seiner langen und erfolgreichen Karriere bislang erlebt hat. Vom Wickeltisch auf die EM-Bühne als einziger DHB-Torwart - das war selbst für den schlachtenerprobten Routinier zu viel.

Bitter saß am Montag mit seiner Familie gerade am Abendbrottisch, als das Handy klingelte. »Ich sah dann irgendwann, ich habe einen verpassten Anruf von Alfred Gislason«, berichtete Bitter über die turbulenten Stunden zuvor: »Dann musste ich erst mal kurz durchatmen, bis ich ihn zurückgerufen habe. Es war aber klar, dass ich in der Notsituation nicht Nein sagen kann. Wenn man sein Wort gibt, im Notfall zur Verfügung zu stehen, dann muss man es auch machen.«

Weil Andreas Wolff coronabedingt erst einmal ausfällt und Silvio Heinevetter aus gesundheitlichen Gründen nicht nachreisen konnte, kletterte Bitter in aller Hergottsfrühe in den Flieger. »Dadurch, dass ich in den letzten zehn Nächten auch nicht so viel geschlafen habe, war das jetzt nicht so komplett ungewöhnlich«, sagte der Weltmeister von 2007 und grinste. Er war schließlich erst vor wenigen Tagen zum vierten Mal Vater geworden.

»Man muss sich das mal vor Augen halten«, meinte Mitspieler Paul Drux voller Hochachtung: »Wenn man vor ein paar Tagen erst Papa geworden ist, wenig Schlaf und viele neue Emotionen dazukommen, ist das schon etwas ganz Besonderes. Das zeigt, was er erstens für ein unglaublicher Sportsmann ist und zweitens, wie er sich in den Dienst der Mannschaft und Verbandes stellt. Er schreckt vor der Herausforderung nicht zurück, Riesenrespekt. Das kann man sich selbst gar nicht vorstellen.«

Am Dienstagabend absolvierte Bitter sein 171. Länderspiel. Mehr als 20 Jahre nach seinem DHB-Debüt erlebte er »einen geilen Spirit in der Abwehr«. Auch vorne habe das Team »extrem überlegt« gespielt. »Der Druck«, so Bitter mit Blick auf den Hauptrunden-Start gegen Titelverteidiger Spanien am Donnerstag (18 Uhr/ARD), »ist jetzt für diese Mannschaft komplett weg. Wie sie hier aufgestellt ist und was alles passiert ist«.

Die widrigen Umstände scheinen Bitter allerdings nichts anzuhaben. Selbst als mit Till Klimpke unmittelbar vor der Polen-Partie auch noch der zweite Keeper wegen einer Corona-Infektion ausfiel, blieb der 39 Jahre alte Hamburger cool. Bitter gab dem deutschen Team enorme Sicherheit und hielt wichtige Bälle.

Auch interessant